Als Norddeutscher, wenn auch seit längerer Zeit in Süddeutschland lebend, war er über die völkischen Eigenheiten der Bayern, denen er nun zugeteilt war, durch jenes theoretische Wissen unterrichtet, das sich den Gebildeten durch Überlieferung anekdotischer Einzelzüge leicht und scherzhaft zu vermitteln pflegt. Mit dem eigentlichen Volke war er, seiner Lebenshaltung gemäß, kaum je persönlich in Berührung gekommen, ohne darum auch nur im mindesten die Kraft und Ursprünglichkeit des Volkes niedrig eingeschätzt zu haben. Im Gegenteil – er neigte, wie wohl die meisten Angehörigen seines Standes, eher zu einer sehr ausgesprochenen Wertschätzung alles Volkstümlichen, und zwar eben auf Grund der von persönlichen Erfahrungen ungetrübten literarisch-anekdotischen Kenntnis der Volksseele.

Nun sah er sich auf einmal, gewaltsam aus seinem eigenen Nährboden gerissen, als einziger Intellektueller unter vielen vor die Aufgabe gestellt, in die kompakte Einheit der durch gemeinsame Interessen verbundenen zwanzig Mann seiner Stube einzudringen; sich – wenn anders er nicht riskieren wollte, in eine unerträglich abseitige Situation zu geraten – ihrem Kreis einzufügen; ja sich womöglich Geltung zu verschaffen. Hierzu veranlaßte ihn keineswegs bloß ein persönlicher Erhaltungstrieb, als vielmehr das seinem Charakter entsprechende Bestreben, niemals halb bei einer Sache zu sein … am wenigsten bei der großen Angelegenheit, von deren Notwendigkeit er sich, nachdem es einmal ernst geworden war, mit aller Entschlossenheit überzeugt hatte.

Die Versuche des Herrn v. X., sich seinen Kameraden anzupassen, hatten, wie häufig in solchen Fällen, damit eingesetzt, daß er sich bemüht zeigte, unter ostentativer Hintansetzung jeglichen Standesbewußtseins, kameradschaftliche Hilfsbereitschaft zu betätigen. Aber damit stieß er nur auf Mißtrauen und Ironien jeder Art – von der lächelnden Anspielung bis zum fast hämisch herausgeprusteten Spott. Vollends seine törichten Bemühungen, ihren Dialekt und ihre Ausdrucksweise »unauffällig« zu kopieren, forderte die anderen nur noch mehr heraus, ihm seine Ohnmacht zu Bewußtsein zu bringen.

So hatte Herr von X. die doppelte Last zu tragen, daß er, noch mit allen Fibern den plötzlichen Verlust aller höheren Lebensformen empfindend, in der neuen Umgebung ungeahnte Widerstände fand, wogegen die anderen im gleichen Maße bevorzugt erschienen, indem sie, ihr Leben ungefähr auf dem alten Niveau fortsetzend, zugleich am Rückhalt der Gemeinsamkeit mit ihresgleichen profitierten. Allerdings wurde dieses Mißverhältnis einigermaßen dadurch ausgeglichen, daß manche der ganz Unbemittelten, insbesondere die kleinen Gewerbetreibenden, hinsichtlich ihrer Geschäfte und Familien drückendere Sorgen empfanden als in normalen Zeiten. Aber diese Bedrückten empfanden dann wieder den Reichtum des Herrn v. X., von dem sie sich maßlos übertriebene Begriffe machten, als eine unerhörte Begünstigung, die ihm entsprechend angekreidet werden müsse.

In Verfolg dieses Rattenkönigs von Mißverständnissen und Verkennungen der Umstände geschah es denn wohl, daß von X.s Kameraden seine reichlichen Bier- und Zigarrenspenden niemals entgegennahmen, ohne zuvor durch Blicke und kleine beißende Bemerkungen ihm die Freude vergällt und damit sich den Genuß erhöht zu haben.

Obgleich nun von X., ein kluger Mensch und Lebenskenner, solche Kleinigkeiten nicht eben tragisch nahm, weil er die wahren Beweggründe erkannte, hatte er doch – besonders in der ersten Zeit – Momente tiefer Entmutigung. Einmal kam es sogar vor, daß er sich nachts, zwischen den schnarchenden Kameraden schlaflos liegend und grübelnd, zu dem folgenden empfindsamen Gedicht hinreißen ließ:

In der Nacht

Die Kameraden schnarchen hart und dröhnen
Ganz sagenhafte Töne durch den Raum;
Die wache Landsturmseele glaubt es kaum
Und muß sich erst so nach und nach gewöhnen.

Wie schließt mein Herz euch ruhende Soldaten
Und eure armen Träume in sich ein …
(Gäb' mir nur Gott, so ganz Natur zu sein,
Wie sie, mich arglos folternd, hier verraten!)

Der Schuster, rechts von mir, bewegt sich eben;
Ich weiß: ein Traumglück löst ihm alle Qual …
Gebräunte Haxe ist sein Ideal …
O mög sie groß und lieblich ihn umschweben!