Mit leisem Herzen trat ich in dein Zimmer;
Die Rosen blühten auf; das Fenster klang.
Und von den Gärten draußen kam noch immer
Der weiche sehnsuchtsvolle Jünglingssang.

Du hingst an mir, und deine Augen glänzten;
Dein Haar verwirrte sich in meiner Hand …
Und Abendlichter, die dich rot umkränzten,
Und selige Sehnsucht, die dich mir verband.

Und nichts als goldne Fülle um uns beide:
Die bebenden Hände und der taumelnde Mund …
Der junge Gärtner draußen sang sein Lied vom Leide,
Das zitterte von dir und war so wund –

Du aber lächeltest.

Der Künstler.

„Es liegt ein Plan in einem weiten Tal,
Wo nur die Lautersten zu wandeln wagen
Und selig sind. Und du verfehlst ihn leicht.
Der schwarze Wald, der ihn vom Leben scheidet,
Ist so von ungekanntem Sehnen schwer,
Daß du dich kaum hindurchzufinden wagst.
Der Plan ist voll von Wiesen, die nicht welken,
Von einer Ruhe, die du kaum empfunden,
In einem Licht, das Farben voller macht.
Die schmalen Wege sind mit Kies bestreut,
Auf daß es doch vertraute Laute wecke,
Wenn hohe Menschen wandeln diesen Pfad.
Denn weich und mild ist nebenan der Rasen,
Der weithin das Geräusch des Lebens dämpft.
Inmitten, wo drei alte Rieseneschen
Mit vollem Laub dem leisen Grund entragen,
Raucht ein Altar aus Buchs und Rosenbüschen.
Da bringen Menschen ihre Sehnsucht dar
Und knieen dann. Und wenn es Abend ist,
Empfangen sie den Tau der Gnadensonne,
Die sacht und sicher ihre Stirnen klärt,
Die weißen Menschenstirnen. Heil den Helden,
Die ihre Sehnsucht opferten! Sie leben!“

So kündete der alte Sänger mir,
Der zu der Harfe sang. Das war erst gestern;
Und heute schon fand ich die klaren Wege.
Ich bin allein. Von fern, aus dunklem Wald
Bläst nur ein Hirte noch, und hin und wieder
Scheint es von Schritten in der Luft zu liegen,
Die mir zu folgen wünschen. Sonst ist Ruhe.
Ich sehe schon den graden Rauch der Weihe,
Der sich in bleichem bläulichem Zerschweben
Im Laub der Eschen fängt. Der Abend duftet.
Der Rasen ruht in weichem Schlummer da.
Mein Mantel drückt so schwer in diesem Land,
Ich leg' ihn ab. Nackt geh ich zum Altar,
Ich bringe meine Menschensehnsucht dar,
Und fühle meine Seele ganz erwachen.
Und wie die Rosen stärker sich entfachen
Im Abendglühn, sinkt nun auf mein entblößtes
Geneigtes Haupt der Tau, der Segen ist …
Ich sehe, was mein Auge nicht vergißt,
Und was ich schaue, ist der Wunder größtes:
Dich, du formender Gott!


Gustav Falke.

Geboren am 11. Januar 1853 zu Lübeck; war Musiklehrer in Hamburg, wo er am 8. Februar 1916 starb. – Mynheer der Tod 1891. Tanz und Andacht 1893. Zwischen zwei Nächten 1894. Neue Fahrt 1897. Mit dem Leben 1899. Hohe Sommertage 1902. Die Auswahl 1910.