Pera, den 9. Juli 1915.

Der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet unter dem 8. d. M. folgendes:

„Der von Mossul zurückgekehrte Major von Mikusch berichtet folgendes:

Vor etwa einer Woche haben Kurden in Tell Ermen und einem benachbarten armenischen Dorf Armeniermetzeleien veranstaltet. Die großen Kirchen sind zerstört; Herr von Mikusch hat selbst 200 Leichen gesehen. Miliz und Gendarmerie hat Metzelei mindestens geduldet, wahrscheinlich sich daran beteiligt.

Zwischen Nisibin und Tell Ermen haben Ersatztruppen (entlassene Sträflinge) ein niedergemetzeltes armenisches Dorf vollständig ausgeraubt und einschließlich ihres Offiziers freudestrahlend von Massakres erzählt.

In Djerabulus sind vielfach zusammengebundene Leichen Euphrat abwärts getrieben.“

In einem weiteren Telegramm von demselben Tage berichtet Herr Rößler, daß Djemal Pascha neuerdings strenge Befehle erteilt, um die Niedermetzelung von Armeniern in seinem Befehlsbereiche zu verhüten, und hier beantragt habe, gleiche Befehle für den Bereich der dritten Armee zu erlassen.

Zu letzterer gehört u. a. auch Wilajet Diarbekr, in dem die Armenier besonders grausam verfolgt werden sollen. Das Kriegsgericht von Diarbekr führt augenblicklich eine Untersuchung gegen eine Anzahl Führer des Daschnakistenbundes wegen hochverräterischer Umtriebe; man nimmt an, daß sämtliche Angeschuldigte, darunter auch solche, die früher in engen Beziehungen zum jungtürkischen Komitee „Einheit und Fortschritt“ standen, zum Tode verurteilt werden. Über die sonstigen Vorgänge dort ist hier nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. Der armenische Bischof (Murachas) von Diarbekr soll aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben.

Aus Erzerum telegraphiert Herr von Scheubner unter dem 8. d. M., daß nach neueren Nachrichten aus Baiburt, Erzindjan und Terdjan die Armeniermassakres dort wieder begonnen haben. Er ist der Ansicht, daß diese Greuel durch das Komitee, dessen Mitglieder dort als Nebenregierung eine verhängnisvolle Rolle spielen, unter Konnivenz der Behörden gefördert werden.

Wangenheim.