Anknüpfend an die Anwesenheit des Dr. Lepsius vom deutsch-armenischen Komitee erwähnt Enver einen ihm bekannt gewordenen Bericht eines amerikanischen Konsuls an den hiesigen Botschafter der Vereinigten Staaten. Der Konsul kommt darin zum Resultat, daß die amerikanische Regierung gut tun würde, ihre Armenierpolitik ein für allemal aufzugeben, da die Türken durch ihr Vorgehen gegen die Armenier jede weitere politische Aktion mit diesen unmöglich gemacht hätten. Man habe die Armenier nicht ausgerottet, was vom politischen Gesichtspunkt aus noch nicht das Schlimmste gewesen wäre, denn bei solchen Massakres bliebe immer noch ein kleiner Stamm übrig, auf den man alle späteren Hoffnungen aufbauen könnte. Man habe sie statt dessen — was vom politischen Gesichtspunkte aus viel schlimmer ist! — über das ganze Land zerstreut, so daß sie wohl oder übel in das türkische Element des Landes aufgehen müssen. Damit sei die Grundlage für eine aussichtsvolle Armenierpolitik ohne weiteres aus der Welt geschafft worden.
Enver erzählt weiter von den vielfachen Warnungen, die er dem armenischen Patriarchen zu Beginn des Krieges hat zukommen lassen und weist gleichzeitig auf das Lob hin, das kürzlich Sassonow in der Duma den „treuen“ Armeniern in der Türkei gespendet hat.
Die Armenier, verleitet und aufgestachelt durch russische Agenten, haben so gründlich gegen die ottomanische Bevölkerung gewütet, daß von den 150000 Türken, die früher das Wilajet Wan aufzuweisen hatte, nur noch 30000 Muhammedaner am Leben sind[80].
Enver ist ferner eine Verschwörung bekannt, nach welcher die etwa 30000 Armenier in der Gegend von Adabazar Ismid eine russische Landung bei Sakaria unterstützen wollten[81].
Er selbst hat im Ministerrat den Standpunkt vertreten, daß man gerade mit Rücksicht auf den Krieg den Versuch machen müsse, mit den Armeniern gut und friedlich auszukommen. Er hat auch dieses dem Patriarchen gesagt, jedoch zugleich mit dem Hinweis, daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde. Das Heer, das im Kaukasus gegen einen mächtigen Feind kämpft, müsse unbedingt die Gewißheit haben, daß in seinem Rücken kein Feind steht. Dafür werde er, der militärische Oberbefehlshaber, mit allen Mitteln sorgen.
Enver Pascha ist übrigens bereit, Dr. Lepsius zu empfangen und mit ihm die Armenierfrage zu erörtern[82].
132.
(Kaiserliches
Konsulat Erzerum.)
Erzerum, den 10. August 1915.
An das Auswärtige Amt.