Die armenische Frage, welche seit Jahrzehnten die Diplomatie Europas beschäftigt hat, soll nun im gegenwärtigen Krieg gelöst werden. Die türkische Regierung hat den Kriegszustand und die sich ihr durch die Armenieraufstände in Wan, Musch[83], Karahissar[84] und anderen Orten bietende Gelegenheit benutzt, um die Armenier Anatoliens zwangsweise nach Mesopotamien auszusiedeln. Durch Unterdrückung der armenischen Schulen, Verbot der Korrespondenz in armenischer Sprache und ähnliche Maßregeln hofft sie, die politischen und kulturellen Bestrebungen der Armenier endgültig zu unterdrücken. Sie hofft vielleicht weiter dabei, die Armenier wirtschaftlich so zu schädigen, daß es ihnen in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, ein selbständiges kulturelles Leben zu führen. Ich will hier davon absehen, daß diese Regierungsmaßnahmen in einer Form ausgeführt wurden, die einer absoluten Ausrottung der Armenier gleichkam. Ich glaube auch nicht, daß es auf andere Weise gelingen könnte, eine Kultur zu vernichten, die älter und viel höher ist, als die der Türken. Auch sonst scheinen mir die Armenier gleich den Juden als Rasse von großer Widerstandskraft. Durch ihre Bildung, ihre kommerziellen Fähigkeiten, ihr Anpassungsvermögen dürfte es ihnen gelingen, auch unter ungünstigsten Verhältnissen wirtschaftlich wieder zu erstarken. Nur eine gewaltsame Ausrottungspolitik, ein gewaltsames Vernichten des ganzen Volkes könnte die türkische Regierung auf diesem Wege zum ersehnten Ziel, zur „Lösung“ der Armenierfrage führen. Ob eine solche Lösung dieser Frage für die Türken zweckmäßig, möchte ich bezweifeln. Zur Begründung führe ich folgendes an:

Die Bewohner Anatoliens setzen sich in der Hauptsache aus Türken, Armeniern und Kurden zusammen. Die Kurden stehen kulturell am tiefsten, die Armenier am höchsten. Die Liebe zu ihrer Heimat, zu der von ihnen seit Jahrhunderten bewohnten armenischen Hochebene, bildet einen Grundzug ihres Charakters, und mit den sympathischsten. Hätten sie diese Liebe nicht, so wäre ihnen als Volk viel Leid erspart geblieben. In den Städten dominieren sie in wirtschaftlicher Hinsicht, fast der gesamte Handel liegt in ihren Händen. Durch ihren rege ausgeprägten Erwerbssinn und ihre Gewinnsucht machen sie oft keinen angenehmen Eindruck. Der türkische Händler gibt ihnen in letzter Hinsicht allerdings wenig nach, ist ihnen aber in Bezug auf kaufmännische Fähigkeiten weit unterlegen. Denn wer von den Türken nur einigermaßen über Bildung verfügt, eventuell eine europäische Sprache spricht, wählt die Beamtenlaufbahn und hat, in der Provinz wenigstens, die Anwartschaft auf den Posten eines Wali. Der überraschend hohe Bildungsgrad der Armenier sowohl in der Stadt wie auf dem Lande, den sie dem Wirken ihrer Geistlichkeit und ihren vorzüglichen Schulen zu verdanken haben, befähigt sie, sich mit europäischer Kultur und Technik bekannt zu machen und die Einführung derselben in ihrem Wohnsitz zu fördern. Hierbei sei bemerkt, daß der Einfluß französischer Kultur auf die Armenier ein sehr starker ist und ihre Sympathien wohl auch auf französischer Seite sind. Die vielen unter Leitung von französischen Geistlichen stehenden Schulen haben in dieser Hinsicht einen starken Einfluß ausgeübt.

Auch politisch ist in Ostanatolien unter den Armeniern von französischer und englischer, besonders aber von russischer Seite eine starke Propagandatätigkeit ausgeübt worden. England und Rußland hatten ein politisches Interesse daran, daß die der Türkei aus der Armenierfrage erwachsenden Schwierigkeiten nicht aus der Welt geschafft würden. Sie spielten sich als Beschützer der Armenier auf und veranlaßten sie, nicht nur durch die Sachlage gerechtfertigte Forderungen zu stellen, um ihr Los zu erleichtern, sondern auch solche utopistisch politischer Natur. Insbesondere möchte ich dabei auf die unheilvolle Tätigkeit der russischen Konsuln hier und in Wan hinweisen.

von Scheubner-Richter.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

133.

(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 11. August 1915.

Konsulat