Der Dr. med. Roupen Tschilinguirian, eine in den hiesigen armenischen Kreisen bekannte Persönlichkeit, wurde mit vielen anderen Armeniern am 24. April d. J. verhaftet, um nach Anatolien verbannt zu werden. Ursprünglich sollte er nach Ajasch bei Angora verschickt werden, wo die schwerer belasteten Persönlichkeiten untergebracht und zum Teil in Polizeihaft gehalten wurden. Auf diesseitige Verwendung wurde er in Tschangri (Kiangri) interniert, wo sich die Verbannten frei bewegen und ihren Berufen nachgehen konnten.

Frau Dr. Tschilinguirian[92] und ihre Mutter, Frau Apell, haben dann Schritte unternommen, um für den Genannten die Erlaubnis zur Rückkehr hierher und zur Übersiedelung nach Deutschland zu erwirken. Die türkischen Behörden lehnten indes beides ab, weil sie — wie aus den Äußerungen der betreffenden Beamten hervorging — den Dr. T. für einen jener „Intellektuellen“ hielten, deren Einfluß auf die Massen sie fürchteten. Wie Frau Apell hier angab, hatte zwar der Polizeipräfekt Bedri Bey geäußert, daß dem Dr. T. unter genügender Garantie für sein Wohlverhalten die Reise nach Deutschland gestattet werden könnte, doch hat Bedri Bey, als er von einem Beamten der Kaiserlichen Botschaft darüber befragt wurde, jede dahingehende Äußerung in Abrede gestellt.

Schließlich versuchten noch die beiden Damen für den Dr. T. die Erlaubnis zu erwirken, seinen Aufenthalt in Angora zu nehmen, als hier am 26. August ein Telegramm von ihm einging, daß er denselben Tag nach Ajasch überführt werden sollte. Das Ministerium des Innern gab auf die diesseitigen Schreiben hin sofort telegraphische Anweisung, den Genannten in Tschangri zu belassen bzw. ihn dorthin zurückzubefördern. In Beantwortung dieses Telegramms meldete dann der Gouverneur von Tschangri unter dem 30. August, daß der Dr. T., nachdem er am 26. desselben Monats Tschangri verlassen hatte, in der Nähe von Kaledjik von Wegelagerern angefallen und umgebracht worden war, sowie daß 4 von der aus 12 Individuen bestehenden Bande durch die Behörden festgenommen waren.

In Vertretung
Freiherr von Neurath.

An den Herrn Reichskanzler.

180.

Kaiserliches
Konsulat Aleppo.

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 9. Oktober 1915.
Ankunft in Pera, den 9. Oktober 1915.