Einige Gewölbe, mit elenden, ausgemergelten Gestalten, in Lumpen gehüllt, auf der nackten Erde, bestenfalls auf einigen ärmlichen Resten ihrer fahrenden Habe gelagert. Frauen und Kinder. Hin und wieder ein Greis. Das Mannesalter fehlt.
Wir treten auf den Hof. Er ist ein einziger Abort geworden. Am Rande, vor jenen Gewölben, Haufen von Kranken, Sterbenden, Toten, durcheinander in ihrem Unrat liegend. Millionen Fliegen auf den erschöpften Kranken und auf den Leichen. Stöhnen, Wimmern, hier und da ein Schrei nach dem Arzt, eine Klage wegen der von Hunderten von Fliegen gepeinigten Augenhöhlen. Neben der nackten Leiche eines Greises zwei Kinder, die ihre Notdurft verrichten.
Wir steigen über den mit Exkrementen bedeckten Hof in ein Gewölbe. Ein Dutzend Kinder, halb verhungert, stumpf; einige sterbende — oder tote? — darunter. Keiner nimmt sich ihrer an. Aus einer finsteren Nische wurde eine halbverweste Knabenleiche hervorgezogen, auf die man erst durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden war. Da sind Waisen, deren Mütter in diesen letzten Tagen in diesen Räumen starben. Kein Arzt erscheint hier. Keine Arznei bringt Linderung. Auch sie sind einem schrecklichen Tode geweiht. Sie werden verhungern. Die Regierung liefert diesem „Krankenhause“ Linsen oder Burgul (eine Art Weizenschrot), oder schwarzes Soldatenbrot. Der geschwächte Magen dieser elenden, oft Wochen, ja Monate durch wasserlose Hitze getriebenen Geschöpfe verträgt solche Nahrung nicht mehr, die ohnehin nicht entfernt hinreichen würde. Dysenterie, Entkräftung, Typhus folgen.
Inzwischen sind Lastträger mit Särgen erschienen. Ein Teil der in den letzten Tagen Gestorbenen wird, wie sie sind, hineingelegt, zum nächsten Kirchhof getragen, in das Massengrab entleert. Der Transport mit Särgen (die bloße Traggelegenheit sind) genügt nicht; sterben doch täglich 100 bis 150 der hierher gelangten Überlebenden; auf Lastwagen werden die Leichen ladungsweise abgefahren; eine Plane deckt das Schlimmste. Beine, ein Kopf hier und da, baumeln herunter, wie der Karren über die Straße rattert.
Unmittelbar neben dem Schauplatz dieser Szenen sind wir deutschen Lehrer gezwungen, unsere Schüler einzuführen in deutsche Kultur. Sie haben vielleicht auf dem Gange zur Schule einen solchen Wagen voll Leichen gekreuzt oder das Stöhnen der elenden Opfer aus dem offenen Fenster der Gewölbe gehört oder sind von den Jammergestalten angebettelt worden, die, um Luft zu schöpfen, auf die enge Straße hinausgekrochen sind, aber in ihrer Schwäche sich nicht wieder haben zurückschleppen können, und die nun fliegenbedeckt und sterbend auf der Straße liegen.
In welcher Stimmung sollen die Schüler, wenn sie Armenier sind, sich von uns, ihren Lehrern, in Geschichte und Heimatkunde, in Religion u. a. unterweisen lassen, wenn in den der Schule benachbarten Höfen ihre Volksgenossen verhungern?!
Ja, glaubt man, daß die muhammedanischen Kinder nicht irre werden, wenn sie angesichts solcher Bilder unsere Lehren hören? Gibt es doch zahllose, anständige Muhammedaner, die dieses Massenmorden an unschuldigen Frauen und Kindern voll Abscheu als Sünde wider die Gebote Gottes des Barmherzigen verurteilen und, nicht fassend, daß ihre eigene Regierung die Urheberin solcher sündhaften Greuel sein könne, in den Deutschen die Urheber suchen. Gräßliche Flecken drohen hier dem Ehrenschilde Deutschlands in der zukünftigen geschichtlichen Erinnerung der morgenländischen Völker!
Es ist nicht unsere Sache, die politische Berechtigung der Vertreibung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu erörtern. Darauf aber wollen und müssen wir mit lauter Stimme hinweisen: daß die deutsche Schularbeit bei der Fortdauer dieser gräßlichen Art der Vertreibung in Form eines Massenmordens an Frauen und Kindern, eines Massenmordens, wie es die Geschichte wohl noch nicht erlebt hat, in diesem Lande einen nicht wieder gut zu machenden Schaden erleidet.
Wir haben die Zuversicht zu dem Auswärtigen Amt, daß es seinem Einfluß gelingt, diesem schmählichen Morden noch in letzter Stunde Halt zu gebieten und uns deutsche Lehrer von der Scham zu befreien, die uns der Verdacht der Mittäterschaft schon jetzt hier — bei Christen und Muhammedanern — wie aber später erst in der ganzen Welt! — täglich mehr auf der Seele lasten läßt.