Wangenheim.

182.

Deutsche Realschule in Aleppo.

Aleppo, den 15. Oktober 1915.

Als Lehrer einer deutschen Schule, der sich ein weites Feld der Tätigkeit eröffnet hat, halten wir Unterzeichneten es für unsere Pflicht, das Auswärtige Amt auf die traurige Wirkung hinzuweisen, die diese hoffnungsvolle Arbeit durch die Gräßlichkeiten erleidet, die sich in der Austreibung der Armenier tagtäglich vor unseren Augen abspielen.

Wir wollen nicht bei den blutigen Greueln verweilen, mit denen die Wegführung der Armenier aus ihrem Gebirgslande zu beginnen pflegt; den Tausenden von Männern, die abgesondert oder manchmal vor den Augen der ihrigen abgeschlachtet wurden; nicht bei den zahllosen Mädchen, Frauen und Kindern, die der Schändung oder der Verstümmelung durch ihre Wächter und deren Spießgesellen anheimfielen und deren nackte Leichen an den Wegen liegen, die die immer neuen Scharen der Verbannten wandern müssen; nicht bei den unsäglichen Roheiten, dem Verdursten, dem Hunger, die die übriggebliebenen, meist bis aufs letzte ausgeplünderten Witwen und Waisen dezimierten, ehe sie, oft zu Gerippen geworden, hier anlangen, um dann vielleicht — eine von sechs, die auszogen — auf einem ähnlichen Leidenswege ohne Existenzmöglichkeit wieder in die Wüste geschickt zu werden, auf daß der armenische Name verschwinde.

Das alles, nehmen wir an, wird dem Auswärtigen Amt durch seine Vertreter hier im Lande bekannt sein.

Dagegen sei uns erlaubt, einen kleinen Ausschnitt aus dem Massenelend dieser Volksvertilgung zu beleuchten, einen Ausschnitt, der uns dicht unmittelbar neben unserer Schule, nur durch eine schmale Gasse getrennt, entgegentritt.

Es ist da ein alter großer Chan, den die türkischen Behörden den Armeniern für ihre Vertriebenen, besonders die schwer Kranken, zur Verfügung gestellt haben. Also eine Art Krankenhaus, sollte man meinen. Treten wir durch den engen, schmalen Gang ein.