Dr. Neukirch.
193.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 8. November 1915.
Die Verschickung der Armenier ist um die Mitte Oktober zu einem gewissen Höhepunkt gelangt, so daß ihre Ausdehnung zu überblicken und der Moment geeignet war, einen zusammenfassenden Überblick zu geben.
Ich fahre hier in der Schilderung einiger Ereignisse fort und darf eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Ranke sagt in seiner Weltgeschichte bei Besprechung der Politik Karls des Großen gegen die Sachsen:
„Man dürfte nicht leugnen, daß die Strenge der Gesetze einen Widerstand gegen dieselben hervorrufen mußte. In Verwickelungen dieser Art tritt das immer ein. Die Maßregeln, die man ergreift, um den Ausbruch der Opposition zu verhüten, sind geeignet, denselben zu erwecken.“
Dieser Satz dürfte zutreffen auf die Politik der türkischen Regierung, die seit den Massakres des Jahres 1895 von Schwankungen abgesehen, im großen und ganzen gegenüber den Armeniern verfolgt worden ist. Er dürfte insbesondere auch auf die letzten Ereignisse zutreffen. Die Regierung hat Vorbeugungsmaßregeln von einer in der Geschichte selten vorkommenden Härte gegen die Armenier ergriffen und hat dadurch Widerstand an zwei verschiedenen Stellen hervorgerufen, in Suedije und in Urfa[97]. Die Kämpfe in Suedije (von 6 Dörfern aus der Nähe Antiochiens) haben damit geendet, daß die Aufständischen sich in einer versteckten Bucht, gedeckt durch das Feuer eines feindlichen Kriegsschiffes mit Frauen und Kindern in einer Seelenzahl, die von armenischer Seite auf 5000 angegeben wird[98], an Bord eingeschifft haben. Rechnet man bei dieser ländlichen Bevölkerung den sehr hohen Prozentsatz von 10 Prozent als waffenfähig, so käme man auf 500 Mann. Trotz dieser Tatsache und trotz der schließlich bewerkstelligten Verbindung mit einem feindlichen Kreuzer, liegt kein Beweis dafür vor, daß der Bezirk von vornherein an Aufstand gedacht hat. Er ist vielmehr durch die drohende Verschickung zum Widerstand getrieben worden.
Auch für den Armenieraufstand in Urfa ist es nicht erforderlich, Einwirkung von außen anzunehmen. Von Wan und Diarbekr zugewanderte mögen geschürt und sich an die Spitze gestellt haben, es genügte aber, daß die Urfaleute die Vorbeugungsmaßregeln der Regierung, die Verschickung und den damit verbundenen Untergang ihres Volkes und jedes Einzelnen vor Augen hatten, um den Entschluß des Widerstandes hervorzurufen. Der Ausbruch des Kampfes ist dann durch die Schuld der Armenier selbst herbeigeführt worden. Im einzelnen haben sich die Ereignisse etwa folgendermaßen abgespielt.
Nach der am 19. August erfolgten Niederschießung einer Patrouille und dem sich daran anschließenden Massaker ist nichts weiter erfolgt, nicht einmal eine Untersuchung gegen die Mörder der Patrouille. Ende September ereignete sich wieder eine Schießerei im Armenierviertel, von welcher nichts weiter bekannt geworden ist, auch nicht, gegen wen sie gerichtet war. Als am nächsten Tage die Regierung eine Gendarmeriepatrouille aussandte, um den Vorfall zu untersuchen, wurde diese zum Teil niedergeschossen. Die Armenier verbarrikadierten darauf ihren Stadtteil. Er wurde zunächst von den in Urfa vorhandenen etwa 60 oder 80 Gendarmen umstellt. In den ersten Oktobertagen traf ein Bataillon ein, am 4. Oktober Fakhri Pascha, am 5. Oktober ein zweites Bataillon mit 2 Feldgeschützen. Eine Aufforderung zur Übergabe lehnten die Armenier, unter denen die Zahl der Verteidiger auf etwa 2000 geschätzt wird, ab. Am 6. Oktober begann der Kampf, der sich vornehmlich auf drei Verteidigungsstellungen richtete. Die enge und winklige Bauart der Stadt Urfa, deren Häuser aus Stein sind und vielfach über alten Höhlenwohnungen stehen, von den Armeniern auch mit Geschick zur Verteidigung eingerichtet waren, erschwerte die Eroberung. Die Armenier waren mit Gewehren bewaffnet und mit Handgranaten versehen, zu deren Herstellung wohl beim Bau der Bagdadbahn gestohlenes Dynamit gedient haben wird. Dagegen waren sie nicht, wie fälschlich behauptet worden ist, im Besitz russischer oder anderer Maschinengewehre. Am 12. Oktober wurde noch ein 3. Bataillon mit zwei 12 cm Haubitzen hinzugezogen. Am 14. Oktober wurde die Kirche gestürmt, am 15. die amerikanische Mission, welche gegen den Willen des amerikanischen Missionars Leslie von den Armeniern besetzt und als ein starkes Gebäude zu einem Hauptstützpunkt eingerichtet war. Leslie war von den Armeniern als Geisel zurückbehalten worden, in der Hoffnung, daß auf ein Gebäude, in dem er sich befände, nicht geschossen werden würde. Die türkische Aufforderung, ihn gehen zu lassen, lehnten sie ab. Er wurde erst von den erobernden Truppen befreit. Mit der Erstürmung der Kirche und der Mission war der Widerstand gebrochen. Die türkischen Verluste betrugen 50 Tote und 120 bis 130 Verwundete. Die Absuchung der Höhlen und Brunnen kostete dann noch einer Anzahl Soldaten durch vereinzelte Schüsse versteckter Verteidiger das Leben. Kriegsgerichtliche Untersuchung ist eröffnet. Eine Kommission wird über weitere Maßregeln gegen die Armenier Urfas beschließen.