Die Verschickungen gehen im übrigen in der durchgreifendsten Weise und mit dem schrecklichsten Ergebnis weiter. Hunger und Seuche treiben dem Tode reiche Beute zu. Die Sterblichkeit unter den Vertriebenen ist in der Stadt Aleppo außerordentlich groß. Dabei fehlten bis zum Eintreffen Djemal Paschas, von dem weiter unten zu berichten sein wird, die notwendigsten sanitären Anordnungen. Etwa Mitte Oktober wurde ein neuer Begräbnisplatz außerhalb der Stadt bestimmt. Ehe aber alles so weit war, daß dort mit der Beerdigung begonnen werden konnte, wurden die Leichen bereits haufenweis abgeladen und lagen einige Tage unter freiem Himmel. Unter diesen Umständen kann man sich nicht wundern, daß der Flecktyphus auf die Stadtbewohner übergegriffen hat und eine allgemeine heftige Epidemie ausgebrochen ist. Die Zahl der täglichen Todesfälle wird auf 150 bis 200 angegeben.

Zufällig habe ich kürzlich selbst von einer Straße, die die Vertriebenen ziehen, einen Eindruck erhalten. Zwischen dem Afrin und Aleppo, also auf einer Länge von etwa 60 km sah ich am 21. Oktober unmittelbar an der Straße 4 Leichen liegen, zwei davon bereits von Tieren halb gefressen. Als ich nach dem Anblick der ersten dieser Leichen an den ersten Chan kam und den Besitzer aufforderte, Leute gegen Bezahlung zur Beerdigung auszuschicken, lächelte er, tat aber, was ich wünschte. Als ich ihn fragte, warum er gelächelt, sagte er: „Wenn Du wünschest, lasse ich diese Leiche beerdigen. Warum legst Du aber gerade auf diese eine so viel Wert? Wenn Du wüßtest, wieviel hier in jeder Bodenfalte liegen, so würdest Du darauf verzichten, gerade die eine begraben zu lassen, die vom Wege aus sichtbar ist.“ Wenn dies an der vielbegangenen Alexandretter Chaussee sich ereignet, ohne daß die vorübergehenden Soldaten und Gendarmen Meldung erstatten, so liegt der Schluß nahe, daß es auf den weniger begangenen Straßen des Innern nicht besser aussehen wird. Die zahlreichen, die Luft verpestenden Tierkadaver habe ich noch nicht erwähnt. Das Konzentrationslager bei Katma bot einen unbeschreiblichen Anblick mangelnder hygienischer Fürsorge. Die Wandernden waren in allen Stadien der Ernährung und Rüstigkeit, von Barfußlaufenden dem Hungertode nahen, sich mühsam Hinschleppenden oder verzweifelt und stumpf am Wege Sitzenden, bis zu solchen, die noch unversehrtes Schuhwerk besaßen oder mit einigem Hausrat auf Karren fuhren. Dabei erklären sich die Unterschiede aus der Länge der bis dahin zurückgelegten Strecken.

Die Zustände sind derart geworden, daß die Etappenstraße von Bozanti nach Aleppo verseucht ist, und daß es erst dem Oberst Freiherrn von Kreß gelungen ist, durch den Hinweis auf die militärische Wichtigkeit hygienischer Maßregeln für die Etappen, den Oberkommandierenden der 4. Armee, Djemal Pascha, zu einem Besuch Aleppos zu veranlassen. Ehe er kam, hatte Djemal Pascha auf telegraphische Anfrage über den Gesundheitszustand vom Chef der Etappeninspektion, Weli Pascha, die Antwort erhalten, es gäbe einige Fälle von Dysenterie, aber keine ansteckende Krankheit. Erst als bei Djemal Pascha die Meldung aus Rajak eintraf, daß in einem Zuge aus Aleppo drei Leichen gefunden seien, hat er sich zur Reise entschlossen.

Hier hat er jetzt energische Maßregeln angeordnet. Die Anzeigepflicht ist eingeführt. Hospitäler werden eingerichtet. Transportwagen für die Überführung der Kranken sollen bereitgestellt werden. Die Stadt ist in Bezirke geteilt, für welche je ein Arzt die Aufsicht übernimmt, mit dem Recht, Häuser zu besuchen. Der Reinigungsdienst für die Stadt wird neu organisiert.

Die Befehle sind gegeben und es handelt sich jetzt um die Ausführung. Ein deutscher Hygieniker, Militärarzt, ist erbeten worden.

Bei der Wichtigkeit der hiesigen Gegenden, aus denen Armeen je nach dem Irak oder nach Ägypten zu entsenden sind, muß der Bekämpfung der Seuche auch weiterhin die ernsteste Aufmerksamkeit gewidmet werden. Die Persönlichkeit des Freiherrn von Kreß bürgt dafür, daß das Mögliche geschehen wird.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft in Konstantinopel zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.