Nachdem bereits seit Ausbruch des russisch-türkischen Krieges Hunderte von armenischen Dörfern durch Kurden und irreguläre Milizen in den östlichen Wilajets geplündert und Tausende von wehrlosen Armeniern ermordet worden, ist seit Ende Mai die Deportation der gesamten armenischen Bevölkerung aus allen anatolischen Wilajets und Cilizien in die arabischen Steppen südlich der Bagdadbahn angeordnet worden. Diese Maßregel ist mit unmenschlicher Härte in den vergangenen Monaten durchgeführt worden. Während die wehrhaften Männer des armenischen Volkes zur Armee eingezogen und unbewaffnet auf den Etappenstraßen des Innern als Lastträger und Chausseearbeiter verwendet wurden, hat man die des männlichen Schutzes beraubten Frauen, Kinder, Kranke und Greise aus ihren Wohnsitzen ausgetrieben, ihrer Habe beraubt und ohne Ausrüstung und Proviant, barfüßig, hungernd, verschmachtend und fortgesetzten Mißhandlungen und Schändungen ausgesetzt, in Haufen von Hunderten und Tausenden gleich Viehherden durch rohe Saptiehs mehr als hundert Meilen weit in die Verbannung treiben lassen. Die Maßregel wurde dadurch eingeleitet, daß in der Hauptstadt und in den Zentren des Innern die Führer des Volkes, Intellektuelle, Notable und kirchliche Würdenträger, über Nacht ins Gefängnis geworfen und ohne Verhör und Gerichtsverfahren erschossen oder deportiert wurden. Zum Arbeitsdienst einberufene Militärpflichtige sind auf den Straßen überfallen und erschossen worden. Von den deportierten Frauen, Kindern und Greisen sollen weniger als die Hälfte an ihren Bestimmungsorten angekommen sein. Mädchen und junge Frauen wurden in türkische Harems und kurdische Dörfer verschleppt, wo ihnen keine andere Wahl bleibt, als den Islam anzunehmen. Ebenso sind zahllose Kinder ihren christlichen Eltern abgenommen worden und werden nun als Muslims auferzogen. Von der Deportation verschont wurden nur viele Hunderte von christlichen Familien, die sich entschlossen, den Islam anzunehmen. Die Maßregel der Verschickung hatte in Wahrheit den Charakter eines Massakres von allergrößtem Maßstabe. Durch Schlächtereien an bestimmten Stellen des Weges, durch Verhungern und Verschmachten sind die Deportierten, wie es scheint, auf die Hälfte ihrer Zahl vermindert worden.

Es ist naturgemäß vor der Hand nicht möglich, genaue Angaben über die Zahl der Deportierten und Massakrierten zu machen. Nach der Statistik des armenischen Patriarchates waren die von der Deportation betroffenen Wilajets von 1200000 Armeniern bewohnt. Will man auch annehmen, daß ein Teil der Bevölkerung in die Berge flüchten konnte und entlegene Bezirke verschont blieben, so bleibt doch etwa 1 Million armenischer Christen, die von den Deportationen und Schlächtereien betroffen wurden, und zwar ohne Unterschied der Konfession, Gregorianer, römische Katholiken und Protestanten. Ob die Hälfte oder wieviel immer davon umgebracht wurde, ob die Zahl der zum Islam konvertierten Familien nach Tausenden oder Zehntausenden rechnet, kann zurzeit niemand angeben. Darüber aber kann kein Zweifel sein, daß der Schlag, der das arbeitsamste und strebsamste christliche Volk des Orients betroffen hat, in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Beziehung die verhängnisvollsten Folgen für die Zukunft der Türkei haben und schon bei den Friedensverhandlungen die Interessen und die Ehre der mit der Türkei verbündeten Mächte aufs empfindlichste berühren wird.

Der Handel und das Handwerk im Innern, die fast ausschließlich in den Händen der Armenier lagen, sind vernichtet worden. Die in Vorbereitung befindliche Deportation der armenischen Handels- und Handwerkerbevölkerung von Konstantinopel (ca. 180000), Smyrna (28000), Adana und einigen anderen, an der Peripherie der armenischen Gebiete liegenden Städte, die bisher verschont waren, würde die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei verhängnisvoll treffen, an der Deutschland in höchstem Maße interessiert ist. Nach dem Urteil von Kennern des Landes ist nicht darauf zu rechnen, daß selbst in Jahrzehnten das türkische und jüdische Element in der Lage wären, für den Ausfall des armenischen einzutreten. Mögen zu diesen Fragen Autoritäten des wirtschaftlichen Lebens sich äußern.

Was aber die Unterzeichneten in erster Linie beunruhigt und sie veranlaßt, sich vertrauensvoll an Euer Exzellenz zu wenden, ist nicht die Sorge um die Zukunft deutscher Wirtschafts- und Kulturarbeit, die durch die Ausschreitungen des türkischen Nationalismus und islamischen Fanatismus ernstlich in Frage gestellt wird, was unser Gewissen beunruhigt, ist die Verantwortung, die dem deutschen Volke als einem christlichen aus dem Bundesverhältnis mit der Türkei für die zur Sprache gebrachten Vorgänge erwächst.

Nicht nur die Ententepresse, auch die öffentliche Meinung in den neutralen Ländern sieht Deutschland als mitverantwortlich für die inneren Vorgänge in der Türkei an. Gewiß wird hierbei der Einfluß der deutschen Diplomaten auf die Pforte überschätzt. Aber bestehen bleibt der Eindruck, daß Deutschland nach Ausschaltung der Ententemächte die einzige Macht am Bosporus war, die für die Verhinderung von Christenschlächtereien in Frage kam. Die Maßregeln, welche das armenische Volk mit dem Untergang bedrohen, werden von der Hohen Pforte mit revolutionären Umtrieben in der armenischen Bevölkerung und strategischen Maßnahmen in den Grenzbezirken begründet. Mögen irgendwo Armenier von diesem Vorwurf zu Recht getroffen werden — nach den uns vorliegenden Informationen liegen für ein vaterlandsfeindliches Verhalten der maßgebenden armenischen politischen und kirchlichen Organisationen keine Beweisgründe vor —, er rechtfertigt nicht die getroffenen unerhörten Maßregeln. Wir enthalten uns des Urteils über die Ziele, die die türkische Regierung mit ihnen letztlich verfolgt. In der Ausführung aber haben sie jedenfalls dem islamischen Fanatismus und dem Christenhaß den schlimmsten Anreiz gegeben, der auch für die übrigen, nicht muslimischen Volkselemente der Türkei gefahrdrohend bleibt. Es kursieren Worte wie dies: „Das Land soll rein muslimisch sein und nichts anderes“. Dem entspricht, daß auch Missionsinstitute ausgeräumt worden sind. Es gewinnt den Anschein, als solle jede Art von christlichem Liebeswerk und jeder ausländische Kultureinfluß im Innern ausgetilgt werden.

Diese Vorgänge sind für die übrige Christenheit schlechthin unerträglich und müssen auch der Türkei in ihrem berechtigten Streben, ihre inneren Verhältnisse gegen Eingriffe von außen sicherzustellen, kaum überwindliche Schwierigkeiten bereiten. Die Erregung im neutralen und feindlichen Auslande hierüber ist im Wachsen und muß zu leidenschaftlichem Ausdruck kommen, sobald die Tatsachen in vollem Umfange bekannt werden. Wird sich nicht diese Entrüstung mit ganzer Schärfe gegen Deutschland wenden, dem allein die Welt zutraut, daß es durch sein Verhältnis zur Türkei diese furchtbaren Dinge verhüten und etwa notwendige Maßnahmen auf das strategisch Gebotene einschränken konnte? Wie man Deutschland für den Eintritt der Türkei in den Krieg und für die Erklärung des „heiligen Krieges“ verantwortlich gemacht hat, so wird man ihm die ganze Schuld an der Vernichtung eines christlichen Volkes beimessen. Die Wirkung wird, wie wir fürchten, noch tiefer gehen, als bei der Agitation wegen der angeblichen belgischen Greuel.

Während aber bisher alle Anschuldigungen des Auslandes an dem einmütigen guten Gewissen unseres Volkes wirkungslos abprallten, werden diese Nachrichten, deren Bekanntwerden niemand verhindern kann, auf die deutschen Christen die unheilvollste Wirkung haben. Schon bei der Erklärung des heiligen Krieges regten sich in manchen Kreisen Gewissensbedenken; wir vermochten sie durch den Hinweis zu beschwichtigen, daß dieser heilige Krieg nicht gegen die Christen als solche, sondern in Gemeinschaft mit christlichen Völkern gegen die Feinde der Türkei geführt werde. Niemand vermag aber die lähmende Wirkung auf die Freudigkeit der deutschen Christen zu verhindern, wenn sie es mit ansehen müssen, wie von ihren Bundesgenossen ein ganzes Christenvolk vernichtet wird. In dem guten Gewissen, mit dem wir alle Gott um den Sieg für unsere Waffen anrufen, wurzelt die Widerstandskraft unseres Volkes. Diese Einmütigkeit und Freudigkeit droht erschüttert zu werden, wenn bekannt wird, daß von unseren andersgläubigen Bundesgenossen Hunderttausende unserer Glaubensgenossen grundlos und sinnlos zu Tode gehetzt werden, ohne daß unsererseits das Mögliche zu ihrer Rettung geschah.

Es ist uns bekannt, daß seitens der deutschen Regierung wiederholt Schritte getan sind, um, auch im eigenen Interesse der Türkei, der Vernichtung der Armenier zu steuern.

Die Tatsachen zeigen leider, daß diese Schritte das Verhängnis nicht haben aufhalten können. Die türkische Regierung hat, soweit wir unterrichtet sind, bisher nicht das Erforderliche getan, um die Deportierten vor dem Hungertode zu bewahren, ja sogar Versuche, den notleidenden Frauen und Kindern Hilfe zu bringen, abgelehnt. Es ist zu befürchten, daß auch die noch überlebenden Deportierten, in der Hauptsache Frauen und Kinder, dem Untergange geweiht werden.