Das können wir, das kann unser christliches Volk nicht schweigend mit ansehen. Die türkische Regierung, die selbst planvoll das islamische Gemeingefühl aller Länder für ihre nationalen Ziele wachruft und verwertet, darf ihren christlichen Bundesgenossen nicht zumuten, daß sie ihr christliches Gemeingefühl zum Stillschweigen verurteilen. Sie muß es erkennen, in welchem Grade sie für die Zukunft ihren eigenen Weg erschwert, wenn sie unter ihrer Verantwortung eine ungeheure Tat geschehen läßt, die die gesamte Christenheit als einen Schlag in ihr Angesicht empfinden muß. Es muß verhütet werden, daß die Ehre des deutschen Namens auch nur mit dem Schein der Mitschuld an den gekennzeichneten Schandtaten befleckt wird. Der Gedanke ist unerträglich, daß, während wir Deutsche gefangenen Muhammedanern Moscheen bauen, Hunderte von christlichen Kirchen zerstört oder in Moscheen verwandelt werden. Es bedrückt unser Gewissen, daß, während die deutsche Presse den Edelmut und die Toleranz unserer muhammedanischen Bundesgenossen preist, von Muhammedanern unschuldiges Christenblut in Strömen vergossen wird und Zehntausende von Christen zwangsweise zum Islam konvertiert werden.
Wir verkennen nicht die Pflichten, die uns deutschen Christen aus dem Bundesverhältnis unseres Reiches mit der Türkei erwachsen. Wir teilen aufrichtig den Wunsch, daß ihr aus ihrem heldenmütigen Kampf an unserer Seite die verdienten Früchte zufallen, und wir wünschen durchaus nicht, ihr in irgend einer Weise unnötige Schwierigkeiten zu machen. Aber wir können auch die Pflichten gegen unsere Glaubensgenossen nicht verleugnen. Wir handelten sonst gegen Ehre und Gewissen, und es fiele ein Schatten auf den Sieg unseres Volkes.
Wir bitten daher Euer Exzellenz, der Hohen Pforte die Unerträglichkeit der geschaffenen Lage und die äußerste Dringlichkeit von Abhilfemaßregeln mit allem Nachdruck vorzustellen, und dabei vornehmlich drei Ziele ins Auge zu fassen, die auf keine Weise dem Wohle der Türkei oder der Erreichung unserer Kriegsziele widerstreiten, dagegen aufs engste mit den Forderungen der Menschlichkeit und mit dem wirtschaftlichen Interesse verknüpft sind:
1. daß der Deportation der bisher verschonten armenischen Bevölkerung von Konstantinopel, Smyrna, Aleppo und anderen, noch nicht betroffenen Städten und Distrikten ein Riegel vorgeschoben wird,
2. daß nicht nur angebliche und scheinbare, sondern wirkliche und wirksame Maßregeln getroffen werden, um die Hunderttausende von deportierten Frauen und Kindern in den mesopotamischen Steppen am Leben zu erhalten und weitere Grausamkeiten an den noch übrigen Armeniern zu verhindern,
3. daß Christen anderer Länder es ermöglicht werde, vielleicht unter der Mitwirkung deutscher und neutraler Vertrauensleute, den notleidenden Deportierten Hilfsdienste zu erweisen und Unterstützungen zukommen zu lassen.
Beim Friedensschluß bitten wir darauf Bedacht zu nehmen, daß den jetzt zwangsweise islamisierten Christen die Rückkehr zum Christentum ermöglicht und für eine künftige friedliche und loyale Weiterentwicklung der christlichen Minderheiten in der Türkei und für die ungehinderte Fortführung der christlichen Liebes- und Kulturarbeit im Orient die nötige Bürgschaft gegeben werde.
Wir bitten Euer Exzellenz in Ehrerbietung, uns möglichst bald in die Lage zu versetzen, daß wir der Beunruhigung unter den deutschen Christen entgegentreten und die Anklagen des Auslandes wirksam entkräften können.
Euer Exzellenz ganz gehorsamste
Dr. Karl Axenfeld, Direktor der Berliner Missionsgesellschaft, Berlin.