Hauptsiedelungsplatz ist Der-es-Zor. Schon die Einfahrt zeigte sofort die Hauptbeschäftigung der Ansiedler: Totenbegraben, stumpfes Hinbrüten, mühevolles krankes halbtotes Dahinschreiten. Der-es-Zor selbst ist eine nicht unschöne Stadt, mit schönen breiten Straßen. Früher 14000 Einwohner, derzeit 25–30000. Für die riesige angestaute Menschenmenge ist keine organisatorische Regelung vorhanden. Keine genügende Menge von Nahrungsmitteln (stundenlang sind die Bäcker ohne Brot), eine Dampfmühle klappert unzureichend Tag und Nacht, Mangel an Brot und Gemüse wurde festgestellt. 3 Spitäler sind voll gepfropft mit über tausend Kranken. 1 Gemeindearzt, 1 Regierungsarzt, Apotheke fast leer. Der Gemeindearzt verließ eben die Stadt auf einige Tage für eine Dienstreise, die Sterblichkeit beträgt täglich 150–200 Köpfe (Worte des Gemeindearztes). Nur so ist es möglich, daß immer noch Tausende von Ansiedlern zugeschafft werden können. Oberhalb und unterhalb der Stadt großes Zeltlager. Am linken Flußufer neben der Schiffsbrücke lagert in ortsüblichen Laubhütten eine Unmasse von Sterbenden. Sie sind die Vergessenen, deren einziger Befreier der Tod ist.
Kein sprachlicher Gedankenaustausch vermag auch nur annähernd die Wirklichkeit dieses menschlichen Elends zu schildern, so unbeschreiblich sind dort die Vorkommnisse. Und immer wieder ergänzt sich der Unglückshaufen. Nach Aussage von anderen Fußgängern liegen dann weiter weg Hunderte von weggeschleppten unbeerdigten Leichen! Der diensttuende Gendarm antwortet mir: „Was soll man machen? Sie sterben alle von selbst.“
Die Behörden reinigen täglich sorgfältig alle Winkel und Straßen, bauen neue Wohnviertel wie in Sabcha, verteilen Geld unter die Leute, sowie Brote und Mehl und doch ist mit Ausnahmen der Tod dem Leben vorzuziehen. Wie in Sabcha, so ist auch in Der-es-Zor jede andere menschliche Niederlassung viele Stunden weit entfernt... Wüstenrand.
Von den Arabern werden die Armenier mit Steinen beworfen, geschlagen, verspottet und ausgelacht, wie wir selbst Beispiele sahen.
Beispiel: In Maden am Euphrat trieben am Ufer drei Leichen, die Araber warfen Steine danach, spuckten darauf und lachten dazu. (Eine Leiche mit abgeschlagenem Kopfe.)
Während unseres Aufenthaltes verbot die Polizei mehreren Armeniern, sich an uns zu wenden und mit uns zu sprechen (dazu ist die Regierung da, nicht die Deutschen!).
Was für die Überlebenden an Arbeit vorhanden ist: Ackerbau und Gartenbau längs des Flusses, wo allerdings fruchtbarer Boden vorhanden ist, Handwerk und wenig Handel.
Aleppo, den 11. November 1915.
Unterschrift.
204.