Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Wanderung der Armenier nach Der-es-Zor.
Auf der Reise nach Der-es-Zor gelangt man notwendigerweise in Fährten der ausgewiesenen Armenier. Schon Der Hafir zeigt die erste Spur: Früher einen Krämerladen, besitzt es jetzt deren drei, die einzig darauf ausgehen, die Zwangslage der Armenier durch hohe Preise auszubeuten (Ziegenfleisch 1 Okka 5–6 Piaster, Brot 4–5, Eier 10 Para usw.). Diesem Unfug begegnet man bis Der-es-Zor. Da Tausende von Armeniern durch die Chans längs der Bagdadstraße wandern, sind die spärlich eingerichteten Läden, die an Ware eigentlich fast gar nichts besitzen, sämtlich leer und der Verkäufer findet für hohe Preise hungrige Käufer. An den Lagerplätzen ist nur schlammreiches, durch Leichen, Mist und Fetzen verunreinigtes Euphratwasser zu haben. Für Zufuhr von Lebensmitteln ist bei den Transporten — obwohl Möglichkeit vorhanden wäre — nicht gesorgt. Wasserstellen mit abgestandenem, abgesetztem Wasser könnten ja ohne weiteres für den permanenten Durchzug errichtet werden. Die Verschickten müssen somit außer ihren Lasten, Kindern, Kranken und Leiden auch Lebensmittel und selbst Wasser für lange Märsche mit sich schleppen. An manchen Stellen fehlt jedes Brennmaterial. Weit und breit in der Runde suchen die spät abends eintreffenden Ankömmlinge mit ihren erschöpften Kräften, die nur mühsam auszureißenden Süßholzwurzeln als Feuerungsmaterial zusammen. All die Rastplätze sind Monate hindurch durch Massen von menschlichen Exkrementen, Abfällen, Fetzen und Mist in den abscheulichsten Zustand versetzt, der sich nicht ändern wird, als bis der letzte Trupp dahin sein dürfte. Die begangenen Wege längs des Flusses und der Bagdadstraße weisen nacheinander die Merkmale der Wanderung auf: Zurückgelassene Wagen, von denen das Vieh einging; zerbrochene Wagen, Kleiderreste and Fetzen, die eben am Leibe nicht mehr zu haften vermögen. Tierleichen und Menschenleichen in allen Stadien der Zersetzung. Nur gut, die Natur mit ihren Aasfressern besorgt in sehr kurzer Zeit die Beseitigung dieser Kadaver. In Meskene fanden wir einen kleinen Trupp Zurückgebliebener, dabei ein sitzender Toter in Verwesung, eine sterbende Frau und 2 Kranke. Militär und Lasttiere füllten den Chan und dessen schmutzige Umgebung, und jedermann hatte andere Sorgen als diesen Unglücksflecken zu reinigen.
Abu Hrere am Euphrat, vor kurzem noch mit einem Chandschi und einem Händler versehen, derzeit ein riesiger menschlicher Düngerhaufen, 5 Tierleichen, Mist, Fetzen, Millionen Fliegen, eine richtige Stätte des Todes, dann stundenweit nur Wüste. An dieser Unglücksstätte saß verlassen ein abgehungertes Mütterlein. Die hellen blauen Augen, das blendend weiße Haar, die Gesichtszüge, verrieten ein besseres Einst. Alles zog weiter dahin. Sie jammerte irre nach den Kindern, vielleicht ein Sonnenuntergang, dann ist sie ihrer Befreiung sicher. Wir ließen sie in den Chan schaffen — eine menschenleere Miststätte mit 2 Soldaten, sonst nichts. Hinter Abu Hrere, wo der Weg durch die wasserleere Wüste zieht, fanden wir außer zahlreichen Tierleichen und Fetzen von Kleidern 3 Knabenleichen, 1 Männer- und 1 Frauenleiche am Straßenrande.
Hamam besitzt zwei große Chans, verwüstet, 3 große Lager von Armeniern: a) Schiffer mit 7 Holzbooten, b) Fahrer mit ihrem Wagenpark, c) Fußgänger in erbärmlichem Zustande mit den Resten ihres Habs und Gutes. Vor Morgengrauen brachen sie wieder auf. 8 bis 900 Personen aus Antiochien, Zeitun, der Gegend von Marasch, Killis, Susli. Der Weg zweigte nach 3 Stunden hinter Hamam von unserer Straße ab und näherte sich wahrscheinlich dem Flußufer, während die Straße über die Wüstenklippen hinweg führte.
Sabcha, die erste Ansiedlerstation. Früher einige hundert Einwohner zählt derzeit 7000 Köpfe (Aussage des Nahié Mudir’s). Zwischen den felsigen Abstürzen der Wüste und dem Flußlaufe liegt der Ort, am Flußufer der alte Teil mit einigen Hausgärten, dem Bergrücken zu vergrößert sich nun die Niederlassung, in schnurgeraden, rechtwinklig angelegten Gassen; Tausende von Händen schaffen in regstem Eifer; lange Zeilen von Bruchsteinen lagern dort, über 100 neue Häuser stehen. In kurzer Zeit sollen noch 250 Häuser fertig sein. Im Juli und August kamen die ersten Ansiedler von Zeitun an. Viele wohnen noch in gemieteten Häusern (3–4 Medjidijeh Miete) die meisten noch in Zeltlagern und in Höfen. Die Behörde gibt den Baugrund und gestattet Steine zu brechen. Brot und Mehl wird in kaum genügendem Maße verabreicht, worüber Klagen wahrgenommen werden. Von den Ansiedlern ist eine Schmiede, ein Fleischverkauf, 1 Klempner und 2–3 Krämerläden eingerichtet. Durch Krankheit gehen viele Armenier zugrunde. Die Zeltlagerer, zum Selbstschutz getrieben, stoßen die Kranken — meist Frauen — aus dem Lager und übergeben sie der Natur. Ohne Nahrung, ohne Arzt, ohne Pflege, liegen sie wimmernd, Brot bittend, bis ein gütiges Geschick sie sterben läßt (ca. 40 schrecklich entstellte Personen). Gegenüber der Überfahrtsstelle zählte ich 12 angeschwemmte Leichen, deren entsetzlicher Gestank keine einzige Seele zu einem Begräbnis aufzurütteln vermag. Nach Aussage des Gemeindevorstehers kommen noch viele Tausende von „Ansiedlern“, d. h. wie der Herr wörtlich sagte: „Wir lassen sie kommen!“ „Um das Land zu kultivieren.“ Fluß auf- und abwärts ist allerdings für die Überlebenden ein fruchtbares Terrain. Ärztliche Hilfe ist dort unbedingt nötig.