230.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft.
Pera, den 24. Januar 1916.
Auf den Erlaß vom 12. Dezember v. J.[120]
Der hiesige Minister des Äußern, Halil Bey, hat auf meine Vorstellungen hin auf das entschiedenste bestritten, daß zwangsweise Bekehrungen der Armenier zum Islam in nennenswertem Umfange versucht worden seien. Bei den vorgekommenen Fällen von Übergriffen unterer Beamter seien die Betreffenden bestraft worden.
Die Versicherungen des Ministers stehen in Widerspruch mit den übereinstimmenden Berichten, die der Kaiserlichen Botschaft wiederholt über diese Frage aus verschiedenen Lokalitäten und aus von einander unabhängigen Quellen zugegangen sind.
Aus den eingehenden Angaben des Vizekonsuls Kuckhoff in Samsun, die von anderer Seite bestätigt wurden, ist zu schließen, daß namentlich in den Distrikten am Schwarzen Meer die Islamisierung der Armenier — teils durch Überredung, teils durch Drohungen — in größerem Umfange durchgeführt worden ist.
Allerdings haben anderwärts, wo zahlreiche Armenier aus eigenem Antriebe, um der Verbannung und Vermögenskonfiskation zu entgehen, sich zum Übertritt zum Islam entschlossen, die Behörden diese Bewegung nicht begünstigt und die Übergetretenen trotzdem verschickt. Anscheinend befürchtet man, daß durch weitere Massenübertritte der eigentliche Zweck der Armenieraustreibungen, die völlige Unschädlichmachung der armenischen Bevölkerung, vereitelt werden könnte.
Seitdem ist ein anderer weniger auffälliger Weg eingeschlagen worden.