Februar.
235.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 9. Februar 1916.
Aus dem andauernden langsamen Untergang größerer Teile des armenischen Volkes berichte ich gehorsamst die folgenden Einzelzüge, die mir in den letzten Wochen bekannt geworden sind:
Im November und Anfang Dezember befanden sich größere Massen von Verschickten längs der Bahnstrecke von Adana nach Aleppo, insbesondere in Islahiye und in Katma. Hier mußten sie aus militärischen Gründen entfernt werden, um die Etappe frei zu bekommen und Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Heer zu verhüten. Die Abbeförderung erfolgte zunächst mit der Bahn nach Ras-ul-Ain. Da aber die Verschickten in Ras-ul-Ain dem Tode geweiht waren, und da ferner die Bahn den gleichzeitigen Transport der Armenier und der Soldaten nicht bewältigen konnte, so wurden die Armenier von Islahije und Katma zu Fuß nach Akhterin und von Akhterin nach Bab verschickt. Die Strecke von Katma bis Akhterin beträgt etwa 30 km und von dort bis Bab noch einmal so viel. Es war also eine verhältnismäßig günstige Lösung. Djemal Pascha setzte in Konstantinopel durch, daß die Armenier zwischen Akhterin und Bab bleiben sollten. Dort wäre von der Station Akhterin aus eine Verpflegung möglich gewesen. Diese Befehle sind aber wieder umgestoßen worden, und die Unglücklichen werden von Bab nach Der-es-Zor weiter geschickt. Mit welchem Ergebnis, darüber unterrichtet ein Brief des Konsuls Litten, den er über seine Fahrt von Bagdad nach Aleppo geschrieben hat. Wie es zwischen Meskene und Der-es-Zor aussieht, darüber hatte ich unter dem 16. November schon einmal den Bericht eines Deutschen eingereicht. Auf dieser Straße ist immer wieder der Strom der Unglücklichen gezogen. Dort hat u. a. Seine Durchlaucht Prinz Reuß etwa am 12. Januar zwischen den Stationen Tibne und Sabkha, wie er mir erzählt hat, 15 Leichen am Wege liegen sehen, während sein Kutscher noch mehr gezählt habe.
Anfang Januar hat zwischen Katma und Killis ein Mitleidiger 50 Kinder am Wege aufgesammelt und nach Killis gebracht. Er wollte sie dem Kaimmakam übergeben, dieser aber nahm sie nicht an, so daß sie im Freien bleiben mußten. Am nächsten Morgen waren 30 der kranken und erschöpften Kinder erfroren. Die Nachricht kommt aus armenischer Quelle, doch liegt kein Grund vor, an ihrer Wahrheit zu zweifeln.
Ein Armenier, der den Mut hat, von Zeit zu Zeit von hier in Verkleidung nach Bab zu gehen, um den Notleidenden Unterstützungsgelder zu überbringen (deutschen Schwestern ist eine Tätigkeit außerhalb Aleppos nicht erlaubt worden), berichtet, daß Ende Januar in den 2½ Tagen seines Aufenthalts in Bab 1029 Armenier gestorben seien. Das Furchtbarste sei, wenn die Elenden und Kranken gezwungen würden, zur Wanderung aufzustehen. Sie würden mit Schlägen weitergetrieben, ja ihre Zelte würden ihnen angezündet. Er sei Zeuge gewesen, wie eine Frau auf diese Weise mit dem Knüttel totgeschlagen wurde. Nach den Vorgängen, die sich früher in der Stadt Aleppo selbst abgespielt haben, muß auch diese Erzählung für wahr gehalten werden.
Vor einigen Monaten waren 3000 Frauen und Witwen von Aleppo nach Killis geschickt worden, wo sie es verhältnismäßig gut hatten und wenigstens ihr Leben fristen konnten. In der zweiten Januarwoche sind sie von dort weiter verschickt worden.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.