Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich, Hochgeboren.
Anlage.
Deutsche Missionsklinik Urfa.
Urfa, den 17. Januar 1916.
Hochgeehrter Herr Konsul!
Sie erwarten wohl mit Recht wieder einige Zeilen von mir über die Vorgänge in unserem Hospital.
Gestern vor 8 Tagen wurde plötzlich unser sich noch immer in Rekonvaleszenz befindender Arzt von der Polizei abgefaßt. Eine Stunde später geschah das gleiche auch mit dem Apothekergehilfen Hosep, jetzt muhammedanisch Jussuf genannt. Als ich sah, daß die beiden statt von der Polizei zurückzukehren, ins Gefängnis geworfen wurden, begab ich mich abends zum Gouverneur, wobei ich nur erfuhr, daß der Verhaftungsbefehl nicht aus Urfa, mutmaßlich aus Aleppo stammte. Am folgenden Morgen sandte ich dann das Telegramm an Sie. Im Laufe der Woche erfuhr ich unter der Hand, von wo der schlechte Wind wehte. Wir hatten eine Zeit lang einen militärischen Obern hier, Z. G., der jetzt dort weilt, welcher den Befehl gegeben. Ganz Urfa war empört über die Gefangennahme der beiden, von denen jedermann bezeugen kann, daß sie bei dem Widerstande völlig unbeteiligt waren. G. ist eben ein roh Durchgehender. Hätte er vielleicht gewußt, daß unser Arzt, jetzt Arif Eff. genannt, inzwischen, wie das ganze männliche eingeborene Personal, muhammedanisch geworden ist, hätte er vielleicht den Befehl nicht erlassen. Die Waisen, welche auf Befehl des jetzt dort weilenden, früheren Obersten (Generals) Fakhri ed din Paschas hier gesammelt wurden, sind alle vor kurzem „umgetauft“ worden, mitsamt den diversen Hausmüttern.
Ich höre, daß der Arzt bereits verurteilt ist; wie lange die Strafe, weiß ich nicht.
Jakob Künzler.