Rößler.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Grafen Wolff-Metternich.
234.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat.
Aleppo, den 31. Januar 1916.
Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage Abschrift eines Briefes des Diakons Künzler in Urfa, aus welchem hervorgeht, daß die letzten in Urfa verbliebenen Armenier unter dem Zwange der Verhältnisse den Islam angenommen haben. Darunter auch die von türkischer Seite in Urfa gesammelten Waisen.
Über die Verhaftung von Dr. Arménak Abuhajatian, Arzt am Deutschen Hospital, habe ich der Kaiserlichen Botschaft anderweit berichtet. Aus dem Briefe geht hervor, daß er an den Widersetzlichkeiten der Bevölkerung völlig unbeteiligt war.
Zwangsbekehrungen zum Islam sind vor einigen Wochen hier auch von anderer Stelle bekannt geworden. In Caesarea war der Befehl ergangen, die Armenier nach Siwas zu verschicken. Diese Verschickung bedeutete den Tod. Möglicherweise um sie zu retten, ließ der Mutessarrif bekannt werden, wer zum Islam übertrete, werde verschont. Viele traten über. Eine Anzahl protestantischer und katholischer Geistlicher weigerten sich, überzutreten. Auf mir nicht bekannt gewordene Weise kam es dahin, daß diese nicht nach Siwas, sondern nach Eregli verschickt wurden, auf welchem Wege die Gefahren geringer waren. Als sie nach mancherlei Fährlichkeiten in Tarsus ankamen, trafen sie dort zufällig Freiherrn von Kreß auf seiner Reise mit Djemal Pascha nach Konstantinopel. Er führte sie beim Pascha ein, der ihnen sicheres Geleit nach Aleppo gab und ihnen später teils Damaskus, teils Jerusalem als Wohnsitz anwies. Von diesen stammt die Nachricht. Unter ihnen befindet sich der protestantische Prediger Wahram Tahmissian, jetzt in Damaskus.
Gleichen Bericht lasse ich dem Herrn Reichskanzler zugehen.
Rößler.