Solange die Verschickten noch Geld haben, läßt man sie in ihrem Lager. Ist es damit zu Ende, werden sie gegen Der-es-Zor abgeschoben. Dabei reißt man rücksichtslos Familien auseinander. Bei El-Hammam arbeiten 6–700 armenische Männer ohne Familien an Regierungsbauten. Auch sie sehen übrigens ganz verhungert aus.
Die Lagerinsassen setzen sich aus Angehörigen aller gesellschaftlichen Schichten zusammen. Ich wurde bei meinen Besuchen vielfach auf französisch, englisch und deutsch angesprochen; auf deutsch von Zöglingen deutscher Schulen und Waisenhäuser. Viele Flüchtlinge versuchen, in andere Lager zu flüchten, die näher bei Ansiedlungen liegen und daher eher Nahrungsgelegenheit bieten. Auf solche Flüchtlinge fahnden beständig Gendarmen. Wer gefaßt wird, gilt als verloren.
Die Winterkälte wird unter den Verschickten wohl endgültig aufräumen.“
Soweit der oben erwähnte Gewährsmann.
Was das Schicksal der von Der-es-Zor weiter Verschickten angeht, die nach amtlicher Angabe nach Mossul gehen, so habe ich mich beim Konsulat Mossul erkundigt, wieviel Verschickte von Der-es-Zor in den letzten Monaten schätzungsweise angekommen seien. Nach der daraufhin erteilten Auskunft sind am 15. April vier Transporte auf zwei Wegen von Der-es-Zor abgegangen und, 19000 an der Zahl, in einem Lager am Flusse Chabur vereinigt worden. Am 22. Mai, also 5 Wochen später, sind von diesen Transporten etwa 2500, darunter auch einige hundert Männer, in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen und Mädchen ist unterwegs an die Beduinen verkauft worden; alles übrige ist durch Hunger und Durst unterwegs umgekommen.
Seit 3½ Monaten sind demnach keine neuen Transporte in Mossul angekommen. Auch diese Tatsache dürfte die Volksmeinung in Der-es-Zor und die ihr entsprechenden tatsächlichen Angaben bestätigen, daß unter der Herrschaft des neuen tscherkessischen Mutessarrifs von Der-es-Zor mit den weiter Verschickten neuerdings im Euphrat-Chabur-Winkel kurzer Prozeß gemacht wird.
Die Auflösung der hiesigen Waisenhäuser für Kinder umgekommener Verschickter hat noch nicht begonnen. Jedoch hat der Vertreter des hiesigen Verschickungskommissars der einen leitenden Schwester jetzt auch amtlich erklärt, diese Waisen würden in ein neues großes nationales Waisenhaus in Konia verbracht werden; dort würden sie selbstredend türkische Namen bekommen und als Türken (d. h. Muhammedaner) erzogen werden.
I. V.:
Hoffmann.
An die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel.