299.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 25. September 1916.
Ich habe heute mit Halil Bey eingehend gesprochen und ihn nachdrücklich darauf hingewiesen, daß während die früheren Verschickungen von Armeniern angesichts der damaligen militärischen Lage im Interesse der Sicherheit des Landes noch mit einem Schein des Rechts verteidigt werden konnten, die jetzt geplanten Maßregeln gegen die aus Frauen und Kindern bestehenden traurigen Reste der Armenier in keiner Weise gerechtfertigt oder entschuldigt werden könnten. Das Vorgehen der türkischen Regierung werde in der ganzen zivilisierten Welt einen Sturm der Entrüstung hervorrufen, der sich auch nach dem Kriege nicht so bald legen werde. Insbesondere werde die geplante Auflösung der Waisenhäuser und die Massenbekehrungen zum Islam nicht nur in Deutschland, sondern bei allen christlichen Völkern mit Recht dem schärfsten Widerspruch begegnen.
Zimmermann.
300.
86. Sitzung des Reichshaushaltausschusses am 29. September 1916.
Aufzeichnung des Staatssekretärs.
Wir haben in der armenischen Frage von Anfang an energische Vorstellungen bei der Pforte erhoben. Wir werden vielleicht später einmal nach dem Kriege, wenn unsere Position nicht mehr so delikat ist wie heute, unsere ganzen Verhandlungen veröffentlichen. Ich kann Ihnen vertraulich erzählen, daß unser Botschafter soweit gegangen ist, sich direkt den Unwillen des Großwesirs und des Ministers des Innern zuzuziehen. Nach den ersten drei Monaten seiner Tätigkeit haben die betreffenden Minister gesagt, der Botschafter scheine wohl nichts anderes zu tun zu haben, als sie immer in der Armeniersache anzuöden.
Die neuen Klagen, daß die armenischen Waisenhäuser aufgelöst, die Armeniermädchen in die Harems und die Knaben in die türkischen Waisenhäuser gebracht und gezwungen werden, Muhammedaner zu werden, haben mir Anlaß gegeben, persönlich bei dem zurzeit hier anwesenden türkischen Minister des Auswärtigen ernste Vorstellungen zu erheben. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese Vorgänge nicht nur für die Türken, sondern auch für uns außerordentlich peinlich wären und wir dringend bitten müßten, Mittel und Wege zu finden, daß hier Abhilfe geschaffen werde.