Der Katholikos Kevork V. ist eine ehrwürdige, sympathische Erscheinung mit lebhaftem, klugen Gesichtsausdruck. Er empfing mich in seinem Thronsaal, auf der Kapuze über der Stirn geschmückt mit dem Kreuz aus Brillanten, einem Geschenk des Zaren. Es interessierte ihn ungemein, daß die Kaiserliche Regierung in Erzerum eine konsularische Vertretung eingerichtet hat. Er verspricht sich von dieser Maßnahme großen Vorteil für seine — wie er sich ausdrückte — „armen unterdrückten Glaubensgenossen unter türkischem Joch.“ Seine Heiligkeit bat mich, soweit meine Amtsbefugnisse dies erlaubten, mich der Armenier im Wilajet Erzerum anzunehmen und übergab mir ein Handschreiben an den armenischen Bischof Sinbad in Erzerum.

Betreffs der Reformen äußerte sich der Patriarch dahin, daß bei der Beratung des Programms durch die Großmächte leider noch keine Einigung erzielt sei, da jede Macht neben der humanitären Seite der Vorschläge auch noch ihre eigenen wirtschaftlichen oder politischen Ziele mit dem Programm in Einklang bringen wolle. Er erkenne dankbar an, daß die Kaiserliche Regierung in Berlin den führenden Mann der Bewegung, Boghos Nubar Pascha, empfangen und ihre Sympathien für die Sache der Armenier zum Ausdruck gebracht habe. Leider würde von den Mächten, mit Ausnahme Rußlands, zu viel Rücksicht auf die türkische Regierung genommen, welche sich noch seit Jahrhunderten als unfähig zu jeglichem Reformwerk erwiesen habe. Der Patriarch hob sodann hervor, daß die Entsendung deutscher Kriegsschiffe nach Mersina im Frühjahr d. J. wesentlich zur Sicherung der Armenier in Cilicien beigetragen habe, und daß er einen Bericht über den Besuch des Katholikos von Sis an Bord S. M. S. Goeben am 5. Mai d. J. gelesen habe. Er hoffe, die Kaiserliche Regierung werde auch weiter, speziell im Gebiete der Bagdadbahn, ihren Schutz den Armeniern angedeihen lassen und er hoffe von dem Ausbau der Bahn große zivilisatorische und kulturelle Vorteile für die dort ansässigen Armenier.

Der Patriarch wünschte mir sodann gute Reise und vollen Erfolg für meine Mission nach Erzerum und gab Befehl, daß mir der Klosterschatz, u. a. auch Überreste der Arche Noah, welche dem heiligen Gregor von einem Erzengel übergeben worden sind, gezeigt werde.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

3.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Erzerum, den 16. September 1913.

Bei meinem Besuch im Kloster Etschmiadsin erfuhr ich gesprächsweise über die Haltung der russischen Regierung zu den gregorianischen Armeniern im Kaukasus Folgendes: