Als die Russen im Jahre 1828 während der Patriarchenzeit des Katholikos Ephrem Armenien eroberten, wobei ihnen der damalige Erzbischof von Tiflis, spätere Katholikos Nerses V. mit einer armenischen Miliz gute Dienste leistete, versprachen sie den Armeniern Erhaltung ihrer Nationalität und besondere Privilegien. Trotzdem ging der erste Statthalter Paskewitsch-Eriwanski sehr schroff vor. Eine im Jahre 1836 eingeführte Gerichtsordnung (Polojenie) für den Kaukasus, in welcher die Rechte des Patriarchen durch Einführung einer Synode verkürzt wurden, beschränkte auch die armenischen Sonderrechte erheblich.

Zwar wurden bis zum Jahre 1908 alle Patriarchen mit dem Titel „Oberster Katholikos aller Armenier“ vom Zaren feierlich bestätigt, trotzdem versuchte die Regierung dauernd, die Armenier zu russifizieren. Als im Jahre 1903 sogar die Einziehung aller armenischen Kirchengüter verfügt wurde, setzte sich der Katholikos „im Namen aller Armenier“, da die Güter ja auch den außerhalb Rußlands wohnenden Armeniern gehörten, in offenen Widerspruch zur Regierung. Obwohl zwar bereits nach Jahresfrist, hauptsächlich auf Anraten des jetzigen Statthalters Fürsten Woronzoff-Daschkoff die konfiszierten Güter zurückgegeben wurden, hat die russische Regierung es für gut befunden, um dem Katholikos jeden Rechtstitel zur Einmischung in Angelegenheiten der nichtrussischen Armenier zu entziehen, bei der Bestätigung des im April 1909 gewählten Katholikos Mattheos II. Ismirlian zum ersten Male den Titel: „Oberster Katholikos aller Armenier“ fortzulassen. Auch ist das kaiserliche Reskript, in welches mir der führende Bischof Karabed Einsicht gewährte, in einem von den früheren Urkunden erheblich abweichenden Tone gehalten. Der Zar spricht die Erwartung aus, daß der Patriarch in seiner Gemeinde auf strenge Befolgung der Regierungsgesetze achte. Um seiner Mißbilligung der armenischen Sonderbestrebungen sichtbaren Ausdruck zu geben, hat der Zar dem Katholikos Mattheos II. zum ersten Male nicht, wie sonst üblich, den Alexander-Newski-Orden verliehen. Auch der jetzt regierende Patriarch erhielt diesen Orden bei seiner Bestätigung im März 1912 nicht. Erst als infolge der Gestaltung der politischen Lage in der asiatischen Türkei es der russischen Regierung bei ihren Aspirationen auf Türkisch-Armenien angezeigt erschien, sich mit den russischen Armeniern auf guten Fuß zu stellen, wurde der Alexander-Newski-Orden im Frühjahr d. J. dem Katholikos verliehen.

Ich gewann den Eindruck, als ob es den russischen Armeniern im Interesse der Erhaltung ihrer nationalen Eigenart keineswegs lieb sein würde, wenn Türkisch-Armenien unter russische Herrschaft käme. Die russischen Armenier vergäßen vielfach ihre nationale Abstammung. Überall, wo armenische Schulen gegründet werden, entstehen sofort russische Regierungsschulen. Am liebsten schien es den Armeniern zu sein, wenn Türkisch-Armenien nach dem Muster des Libanon eine autonome Verfassung unter türkischer Oberhoheit erhielte. Da dies Ziel ihnen jedoch zunächst noch unerreichbar scheint, würden sie sich auch mit der Ernennung von christlichen Walis zufrieden geben, jedoch wünschen sie dringend europäische Kontrolle. Jedenfalls verlangen sie als Minimum, daß künftig die persönliche Sicherheit, das Eigentum und die Ehre jedes Armeniers gewährleistet werde.

Anders.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

1914

Februar.

4.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.