Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

306.

Kaiserlich
Deutsche Botschaft.

Pera, den 13. November 1916.

Wie der Kaiserliche Konsul zu Smyrna meldet, haben die dortigen Behörden mit der Verschickung der armenischen Bevölkerung begonnen. Den Anlaß dazu bot der Umstand, daß angeblich vor einigen Wochen auf dem katholischen Friedhofe alte Bomben u. dgl. Material aufgefunden wurden, die von Armeniern dort versteckt sein sollen. Daraufhin forderte der Wali den armenischen Bischof bzw. die Gemeinde auf, die verdächtigen Personen zu benennen und noch vorhandene Waffen abzuliefern, der Bischof erklärte jedoch, daß ihm keine solche Personen bekannt und keine Waffen mehr versteckt seien.

Infolgedessen wurden am 8. d. M. eine Anzahl Verhaftungen vorgenommen und den folgenden Tag 300 Armenier ohne Unterschied des Alters und Geschlechts mit der Eisenbahn abgeschoben; weitere Transporte sollen folgen. Die Verschickung wird vom Polizeichef von Smyrna geleitet, dem der Wali freie Hand gelassen hat.

Der zurzeit in Smyrna anwesende Marschall Liman von Sanders hat den Wali darauf aufmerksam gemacht, daß diese Massenverschickung die militärischen Interessen schädige und er daher weitere Verhaftungen und Abschiebungen nicht dulden würde.

Der Marschall schreibt folgendes: „Da derartige Massendeportationen in das militärische Gebiet hinübergreifen — Wehrpflichtige, Gebrauch der Eisenbahnen, Gesundheitsmaßnahmen, Unruhe der Bevölkerung in einer Stadt nahe vor dem Feinde etc. —, so hatte ich den Wali benachrichtigt, daß ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen und -deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den Wali, daß ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern lassen würde.

Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir zugesagt, daß sie unterbleiben würden.

Da er aber angibt, von Konstantinopel aus (Talaat Bey) dazu veranlaßt zu sein, so bin ich nicht sicher, daß nur vielleicht andere Wege gewählt werden.