314.

Deutscher Hilfsbund für christliches
Liebeswerk im Orient, E. V.

Abschrift
eines Briefes von Frau Prediger Joh. Ehmann.

Mamuret-ul-Asis, den 10. Februar 1917.

Da ich hoffe, eine Gelegenheit zu haben, einen Brief zu senden, der nicht die türkische Zensur passieren muß, so will ich heute abend noch sehen, was ich schreiben kann.

Wir sind in diesen Tagen sehr niedergedrückt und beschwert durch die drohende Kriegsgefahr mit Amerika. Wie wird es auslaufen?... Über wie viel Tausende wird neues Elend kommen! Wir denken zunächst an die Amerikaner in Kharput — die Türken sollen sich teilweise schon auf die reiche Beute freuen, die ihnen dann zuteil würde. Und sanft würde gewiß mit den Amerikanern nicht verfahren werden, obwohl im vergangenen Jahre die Stimmung ihnen gegenüber recht günstig war im Gegensatz zu 1915, wo man sehr kurz mit ihnen war. In letzter Zeit waren wir die weniger Wohlgelittenen; in den letzten Monaten hat sich eine ziemlich stark antideutsche Stimmung herausgebildet, unter der wir auch schon leiden mußten. Vor 14 Tagen mußten wir, der Gewalt gehorchend, ein weiteres Waisenhaus abtreten, nachdem schon 4 Häuser in Händen des Militärs sind. Als man zuerst mit der Forderung an meinen Mann herantrat, wies er die Forderung ab mit der Begründung, dies ginge über seine Befugnisse hinaus, er sei unserer Gesellschaft und den Freunden unserer Arbeit verantwortlich, er wolle sich bei der Botschaft Rat holen; sobald von dieser der Befehl käme, die Häuser auszuliefern, so sei er bereit. Man forderte nämlich, das vergaß ich zu sagen, alle unsere Häuser unter der Behauptung, es sei ein Telegramm von Enver Pascha gekommen, daß sowohl unsere Häuser als die der Amerikaner für die Soldaten ausgeräumt werden sollten. Als besondere Gnade wollten sie uns das Knabenwaisenhaus Ebenezer lassen! — Da wir am nächsten Tage erfuhren, daß man sich an die Amerikaner gar nicht gewandt hatte, zweifelte mein Mann die Echtheit dieses Enverschen Telegramms sehr an. Er sandte nun einige Telegramme an die Botschaft ab, aber offenbar hat man keines davon durchgelassen, denn bis heute ist keine Antwort eingelaufen. 8 Tage nach der ersten Forderung kam man wieder mit neuem Drängen, mein Mann konnte nur antworten, er müsse auf die Antwort der Botschaft warten. Am Dienstag darauf kamen zwei Abgesandte mit der Nachricht, man habe jetzt lange genug gewartet, wenn am nächsten Tage die Häuser nicht gegeben würden, so würden sie mit Gewalt genommen. Mein Mann ging darauf zum Kommandanten, zu demselben, der noch an unserer Weihnachtsfeier teilnahm, um in Freundschaft mit ihm zu verhandeln, fand ihn aber so aufgeregt und so grob, daß nichts bei der Sache herauskam und der Kommandant schließlich, ohne sich zu verabschieden, aus dem Zimmer hinauslief und meinen Mann stehen ließ. Die Botschaft habe sich gar nicht mehr hineinzumischen seit der Aufhebung der Kapitulationen etc. Mein Mann tat dann noch Schritte bei dem obersten Schulbeamten, der versprach, gleich am nächsten Morgen mit dem Kommandanten zu verhandeln und ihn dahin zu bestimmen, daß man sich mit der Abtretung eines Hauses begnüge. Aber siehe da, am nächsten Morgen, ungefähr um 9 Uhr, rückte Militär und Polizei an und umstellte unsere beiden Mädchenwaisenhäuser! Sie hatten Werkzeuge mitgebracht, um eventuell die Türen mit Gewalt einzuschlagen. Schwester Kathrine, die am Tor stand, wurde vor die Brust gestoßen, niemand durfte hinaus; und als Schwester Marie schnell herausschlüpfte, um meinem Mann Nachricht zu bringen, schlug man nach ihr, zum Glück, ohne sie zu treffen. Die Soldaten drangen nun in die Häuser ein, d. h. nur einige, in jedem Stockwerk stand einer mit geladenem Gewehr, und Schwester Kathrine durfte in ihrem eigenen Hause nicht mehr die Treppe hinauf, sie mußte bleiben, wo sie war. Schwester Jenny im anderen Hause war mutiger, sie sagte zu dem Soldaten, der sie auch bedrohte: „Was fällt dir ein? Ich bin eine Deutsche (sie ist Dänin), ich fürchte mich nicht!“ und konnte daraufhin im Hause frei umhergehen. Inzwischen hatte nun mein Mann Nachricht und war eilends gekommen. Er verhandelte mit dem Offizier, der mit den Soldaten vorm Hause stand, dann mußte unser Dragoman hin und herlaufen zwischen dem Kommandanten und meinem Mann, bis nach vielem Hin und Her sich der Kommandant bereit erklärte, zufrieden zu sein, wenn an diesem Tage Emmaus, das gemietete dänische Waisenhaus, geräumt würde und am nächsten Tage Elim, unser eines Mädchenwaisenhaus. Die Räumung von Emmaus zerschlug sich dann in der letzten Minute, da ein Offizier, der das Haus besichtigte, behauptete, es sei zu klein, sie hätten gedacht, es sei größer. So wurde denn Elim ausgeräumt. Mein Mann hatte einige Häuser in der Nachbarschaft verlangt für die Waisen, die uns nach einigen Schwierigkeiten schließlich gegeben wurden. Aber trotz der Eile, die man damals hatte, und trotz des Drängens, bis ihnen die Schlüssel abgeliefert waren — es war am 24. Januar —, steht Elim bis heute, am 11. Februar, leer. Wir wissen wohl, daß es nicht das Haus war, das man brauchte, denn in Mamuret-ul-Asis sind noch Häuser genug, sondern es war ein Schlag gegen die deutsche Arbeit. Nun, wir sind auch über dies hinübergekommen, und Gott wird weiterhelfen. Aber wir sehen nicht zu rosig in die Zukunft. Wenn es wirklich zum Krieg mit Amerika kommt, wäre es auch für die Armenier sehr schwer. Man weiß kaum, was werden sollte. Es kommen riesige Unterstützungsgelder von dort. Die vielen Armen hier und in Kharput leben hauptsächlich von diesen Unterstützungen.

Wir haben wieder ziemlich viel Armenier hier in der Stadt oben, d. h. Frauen und Kinder; sie ziehen sich aus der ganzen Umgegend hier zusammen, die meisten waren bei Türken gewesen für die Feldarbeit oder auch als Frauen und wurden dann einfach hinausgetan, wenn man sie nicht mehr wollte. Sie leben hier zum Teil in den erbärmlichsten Hütten, in halb zerstörten Häusern, denn ein großer Teil der Armenierhäuser wurde nach der Ausweisung einfach von der Bevölkerung niedergerissen, zuerst Fenster, Türen, Treppen usw. weggeschleppt, später die Wände eingerissen und alles Holz, was drin war, herausgerissen, zu Brennzwecken. Bis heute wird solch Holz aus den Dörfern zum Verkauf gebracht.

315.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 14. Februar 1917.