Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen Bauern im Kasa Modikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den Derebeys dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich 5–15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der Ballikli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebey das armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.
Bei dem Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schatakh ihre kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25 Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kasa Modikan noch die alten patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Beys bestimmte Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kasa Modikan besteht nur in dem Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.
Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist, Paschawank und Lordenzor, von denen der Balliklistamm je 2300, 1500 und 800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Wali von Bitlis Geld von der Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.
Eigenartig ist der Modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem Erscheinen des Tahsildars (Steuerbeamten) trieben die Balliklikurden 300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.
Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden (Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig den Entführern gefolgt seien. — Der Daschnakistenführer Ruben befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein Reformprogramm aufstellten, Massakres erfolgt seien. Die Kurden seien höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Seyid, den sie wie einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden die Derebeys ihre gefährdete Prärogative energisch verteidigen.
Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber, daß die Gendarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die Kurden keinen Respekt vor den Gendarmen, nur vor aktiven Soldaten.
Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan, Guzeldere und Schatakh) nicht nur die Rädelsführer der letzten Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie 2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu nehmen.
Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich reite morgen nach Bitlis weiter.
Anders.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim.