6.
Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914.
Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der Generalstabshauptmann der 34. Division, Ruhi Bey, der mit einem Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am 23. d. M. um 5 Uhr vormittags und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gendarmeriekommandant im Jemen sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yaus Selim, der hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.
Am 24. d. M. vormittags stattete ich dem Wali von Bitlis, Mustapha Abdul Khalik Bey, der bis zum März d. J. Mutessarrif von Soert war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich verliehenen Medjidieorden I. Klasse und brachte ihn so von selbst auf die Ereignisse am Anfang April d. J. zu sprechen. Wäre es den Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen. Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische Konsul Schilkow sandte dem Wali, als die Sachlage, zu ungunsten der Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert. Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate währende Besuch des Mullah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch starke Abteilungen von Militär und Gendarmerie bewacht, so daß ein Entkommen Mullah Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an, daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übeltäter nicht ausliefern, sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die Grenze geschafft wird. Der Wali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten, daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gendarmeriehauptmann Kjasim Bey am 22. d. M. im Gebiet der Karsankurden (Soert) überfallen, verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d. M., verläßt eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruchi Bey die Stadt, um die Karsankurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu befreien. Kjasim Bey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Wali den Überfall nicht als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.
Es verbleiben somit zurzeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind deshalb in Musch disloziert, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine bessere Ausbildung der Truppen gestatten. Bitlis ist zu sehr in einem Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit Jahren verfolgten Übeltäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern in der Muschebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht gestellt werden wird.
Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten Seyid Ali, hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurdenchefs einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.
Anders.
Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Freiherrn von Wangenheim.