Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200 verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten. Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden, woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe. Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.

Rößler.

327.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Aleppo, den 16. März 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.

Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142] Bei ihrer Berufung im Dezember 1915 zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.

Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. — Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. — 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. — Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben, und 70 sammelte sie von der Straße auf. — Alle 400 ließ sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“

Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. — Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.