Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt — das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.
Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. — Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. — Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. — Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie gern bereit sei, zu helfen.[143] — Außer den genannten 1200 Kindern befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.
Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
328.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917.
Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.