(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 26. Mai 1918.
An den Botschafter, Wien.
Infolge des Verhaltens der türkischen Regierung sind die Verhandlungen in Batum gescheitert. Die transkaukasische Republik ist auseinandergefallen, während sich Georgien vermutlich inzwischen als selbständiger Staat proklamiert hat.
Die türkische Regierung hat sich auf Grund der Bestimmungen des Brester Vertrags, wonach die Bezirke Ardahan, Kars und Batum von Rußland geräumt und es der Bevölkerung überlassen wurde, ihre staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Verhältnisse im Einvernehmen mit den Nachbarstaaten, besonders mit der Türkei, neu zu ordnen, für berechtigt gehalten, diese Bezirke zu okkupieren. Sie hat aber an ihren Grenzen nicht haltgemacht, sondern den Vormarsch weiter fortgesetzt. Die türkischen Delegierten haben bei den Verhandlungen in Batum mit dem Vorrücken ihrer Truppen immer weitergehende Gebietsforderungen gestellt. Außer Ardahan, Kars und Batum verlangten sie die Bezirke Achalzych und Achalkalaki, im Gouvernement Eriwan die Bahn Alexandropol-Djulfa, einschließlich des Gebiets westlich davon und einen 25 km breiten Streifen östlich der Bahn, das Gebiet nördlich Batums bis in die Höhe von Kubelity, wogegen sie sich zur Rückgabe des weiter nördlich von ihnen besetzten georgischen Gebietes bereit erklärten. Demgegenüber haben wir der türkischen Regierung nachdrücklichst geraten, die Grundlage des Brester Vertrages nicht zu verlassen und ihr empfohlen, die Stadt Batum nicht zu behalten, sondern den Georgiern zu überlassen, da es sonst wegen der Bevölkerungsverhältnisse und aus wirtschaftlichen Gründen schwerlich zu dauernd friedlichen Verhältnissen zwischen Türken und Georgiern kommen würde. Wir haben einen Austausch des Bezirks Batum nördlich des Tschorochflusses gegen andere und zwar von Tataren bewohnte transkaukasische Gebietsteile ins Auge gefaßt und der Türkei dringend nahegelegt, eine freundschaftliche Einigung mit der transkaukasischen Regierung herbeizuführen.
Statt diesem Rate zu folgen, haben die Türken jedes Maß verloren. Sie haben in Elisabethpol und anderen tatarischen Bezirken die türkische Flagge gehißt, beabsichtigen die Annexion des ganzen Gouvernements Elisabethpol und Baku und gehen auf Baku vor, um die Bolschewisten zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Auf der Front südlich Achalkalaki sind türkische Truppen im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die sie begleitenden kurdischen und tatarischen Freiwilligen rauben und morden in armenischen Ortschaften, aus denen alle Männer abgeführt werden. Die armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen wird.
Die Lage muß als außerordentlich kritisch bezeichnet werden. Ein weiterer Vormarsch der Türken würde im Kaukasus den allgemeinen Kampf entfesseln. Ferner ist zu besorgen, daß die kaukasischen Christen, besonders die Armenier, dem Wüten der tatarischen Bevölkerung und der irregulären Truppen preisgegeben, ausgeplündert, aus ihren Wohnsitzen vertrieben werden und, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben zu retten, in jeder Weise vergewaltigt werden. Wir können es aber weder vor unserem eigenen Volke, noch vor der Welt verantworten, wenn wir es zuließen, daß die Bestimmungen des Brester Vertrages, die mit unserer Hilfe durchgesetzt worden sind, als Freibrief zur Verfolgung der Christen im Kaukasus mißbraucht werden. Abgesehen hiervon, werden durch das türkische Vorgehen im Kaukasus starke Kräfte den wichtigsten militärischen Aufgaben der Türkei, den Operationen zur Verteidigung Mesopotamiens und Palästinas und zur Wiedergewinnung des verlorenen Gebietes, entzogen.
Unter diesen Umständen ist dem Kaiserlichen Botschafter in Pera folgende Instruktion erteilt worden: