Die Ernte wird in den nächsten Tagen reif. Sie soll besonders in dem Gebiet zwischen Sardarabad-Igdir und Darvala gut sein. Wenn aber den armenischen Bauern nicht in kürzester Zeit gestattet wird, in ihre Heimat zurückzukehren, so ist die Ernte verloren. Die Armenier müssen dann entweder Hungers sterben oder ihre Ernährung fällt den Mittelmächten zur Last.

Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 and 60 Jahren sollen von den Türken zum Arbeitsdienst gepreßt sein. Nach Angabe des Bischofs herrscht größtes Elend unter ihnen. Jeder Armenier erhält trotz schwerer Arbeit täglich nur ein Stück türkisches Hartbrot (etwa 200 g). Der Bischof appelliert im Namen der armenischen Nation und in seiner Eigenschaft als Priester einer christlichen Kirche an die Großmut Seiner Majestät des Kaisers und der Deutschen Regierung. Nur Deutschland sei in der Lage, die Türkei zu zwingen, daß sie von ihrem verbrecherischen Beginnen einer systematischen Aushungerung der geringen Reste der armenischen Nation ablasse.

Deutschland müsse sich bewußt sein, daß es vor der Geschichte die Verantwortung zu tragen habe, wenn es seine Macht nicht dazu ausnutze, um eine christliche Nation vor der Ausrottung durch die Muhammedaner zu schützen.

Euere Exzellenz bitte ich, meine persönliche Auffassung dahin äußern zu dürfen, daß nach all den zahlreichen Nachrichten und Berichten, die ich hier erhalten habe, wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen dürfte, daß die Türken systematisch darauf ausgehen, die wenigen Hunderttausende von Armeniern, die sie bis jetzt noch am Leben gelassen haben, durch systematische Aushungerung auszurotten.

Es steht mir nicht zu, Euere Exzellenz auf die Pflichten aufmerksam zu machen, die Deutschland als christliche Nation den christlichen Armeniern gegenüber zu erfüllen hat, und auf den Eindruck, den es auf unsere öffentliche Meinung und die ganze christliche Welt machen wird, wenn wir die Armenier nicht vom Untergange retten. Ich darf aber die Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz darauf lenken, daß unser Ansehen im Kaukasus und den umliegenden Gebieten schweren Schaden leiden wird, wenn es uns nicht gelingt, die Armenier gegen die Türken zu schützen.

Entschieden wird man uns vorwerfen, daß uns der gute Wille gefehlt habe, oder man wird annehmen, daß wir nicht die Kraft und die Macht besitzen, den Türken gegenüber unseren Willen durchzusetzen. Wir würden uns die zahlreichen und infolge ihres großen Reichtums sehr einflußreichen Georgier armenischer Abstammung zu unversöhnlichen Feinden machen und würden unseren Gegnern ein ganz besonders wirksames Propagandamittel gegen uns in die Hand geben.

Ich bitte deshalb Euere Exzellenz ebenso dringend wie gehorsamst, mit allen verfügbaren Mitteln und möglichst rasch einen energischen Druck auf die türkische Regierung auszuüben, daß sie sofort ihre Truppen aus Armenien zurückzieht, den geflüchteten Armeniern die Rückkehr in ihre Heimat gestattet, dafür sorgt, daß die Armenier unbehindert und ungefährdet an Leben und Gut ihre Ernte einbringen können, und daß die zum Arbeitsdienst gepreßten Armenier sofort in ihre Heimat entlassen werden.

Freiherr von Kreß.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.