An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir haben die Ehre, in der Anlage Auszüge aus Briefen und Nachrichten aus der Heimat einzusenden, die als Belege für unsere Mitteilungen über die kritische Lage in Kaukasisch-Armenien dienen mögen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
408.
Berlin, den 15. Juli 1918.
Neueste Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien.
Auszüge aus dem Brief des Präsidenten des Nationalrates Herrn Aharonian vom 11. Juni (n. S.) aus Tiflis.
... Es hat den Anschein, daß Deutschland bezüglich Georgien ernste und entschiedene Engagements hat, die es in edler Weise und mutvoll verwirklicht, während unsere Sache noch in der Schwebe ist. Durch das türkische Eindringen flieht unser Volk zu Hunderttausenden, alles im Stiche lassend. Der Bezirk Achalkalaki ist schon ganz entvölkert; die Stadt ist niedergebrannt und liegt in Trümmern. 80000 Einwohner sind geflüchtet und haben sich in den Schluchten von Bakuriani eingeschlossen. Aus ganz Surmalu, aus allen besetzten Gebieten von Alexandropol und Kars, aus Etschmiadsin und den sonstigen Gegenden, bis wo die Türken vorgedrungen sind, flieht die Bevölkerung in großer Eile und geht zu Zehntausenden zugrunde. Diese Tatsache, daß die Türken aus Stadt und Bezirk Alexandropol die ganze armenische Jugend gesammelt und ins Innere der Türkei verschleppt haben, verbreitet Schrecken, und kein Flüchtling will in die von den Türken besetzten Gebiete zurückgehen. Das armenische Volk geht in den „Krallen“ der Flucht zugrunde, wie es in Türkisch-Armenien zugrunde gegangen ist. Deutschland, das in Türkisch-Armenien dieses furchtbare Verbrechen gegen die Armenier dulden mußte, weil sein Arm nicht hinreichte, wird es dulden wollen, daß nun auch hier im Kaukasus das armenische Volk durch Hunger und Flucht ausgetilgt wird, da Deutschlands Arm hinreicht und Wunder tun kann, wenn es will? Das müssen Sie unseren deutschen Freunden verständlich machen.
Der deutsche Vertreter, Graf von Schulenburg, verhält sich uns gegenüber wohlwollend; doch hat er die erforderlichen Anweisungen aus Berlin noch nicht erhalten, zu unseren Gunsten ebenso zu wirken, wie er zugunsten Georgiens tätig ist.
In der Tat beherrschen die Türken heute ganz Aserbeidschan bis Ciskaukasien. Sie beherrschen selbst die armenischen Gebiete, die nach dem letzten (Friedens-) Vertrag nicht unter die türkische Herrschaft fallen. Die türkischen Truppen halten besetzt: Lori, Kasach, Bortschalu. Aus Eriwan haben wir keine Nachrichten. Wir sind abgeschnitten. Die Eisenbahn und der Telegraph sind außer Betrieb. Es ist eine unerträgliche Lage. Wir konnten selbst die Nachricht von dem Friedensschluß dem General Nazarbekoff nicht mitteilen. Wir sind auch von Baku abgeschnitten. Wir versuchen, eine Regierung unserer armenischen Republik zu bilden; aber es besteht keine Möglichkeit einer Reise nach Eriwan. Unser Volk ist herrenlos, unsere Flucht unendlich, die Sterblichkeit riesengroß. Wir müssen entschieden und sofort wissen: Will Deutschland uns in der Tat beschützen oder nicht?