Frhr. v. Frankenstein hat seiner Regierung folgende Beobachtungen gedrahtet, die sich mit meinen decken:
„In Begleitung des Bischofs Mesrop und eines k. u. k. Militärarztes habe ich gestern einen Teil der in den Wäldern von Bakuriani kampierenden ca. 40000 Armenier besichtigt, die aus dem 2 Tagereisen entfernten Achalkalaki angesichts des türkischen Vormarsches im Mai geflüchtet sind. Ein Teil ist noch im Besitz geringer Vorräte, die übrigen sind in großer Not, liegen teils krank herum, dem Regen ausgesetzt; Flecktyphus und andere Krankheitsfälle sind in Zunahme. Sollten diese Flüchtlinge noch längere Zeit in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben, so wird nach Ansicht der unter ihnen tätigen Ärzte eine hohe Sterblichkeit durch Hunger eintreten. Die georgische Regierung gestattet wegen der Seuchengefahr nicht ihre Verteilung in Georgien.
Die besonders gut stehende Ernte in ihren Heimatdörfern muß in 10 bis 20 Tagen spätestens eingebracht werden. Falls die Flüchtlinge nicht bis dahin geschützt gegen türkische Gewalttätigkeiten zurückkehren können, so wird voraussichtlich ein großer Teil der Ernte zugrunde gehen, da die Türken zur Bergung der Ernte nicht in der Lage sein werden, und es wird nötig sein, daß die Mittelmächte in den kommenden Monaten diese Leute mit Getreide versorgen oder der Hungersnot überlassen. Gegen 30000 geflüchtete Armenier sind notdürftigst in Tiflis untergebracht und befinden sich, wie ich heute persönlich festgestellt habe, wegen hiesigen Brotmangels an der Verhungerungsgrenze; sie erwarten sehnsüchtig eine Möglichkeit zur Heimkehr.
Wie Bischof Mesrop versichert, ist die Lage der rund 500000 in die Umgebung von Eriwan gedrängten Armenier geradezu verzweifelt.“
Kreß.
412.
Auswärtiges Amt.
Berlin, den 18. Juli 1918.
Auf Bericht vom 12. 7. 1918.