Die letzten Nachrichten über die Lage in Kaukasisch-Armenien.
Aus dem Brief des Vorsitzenden des armenischen Nationalrates, Herrn Aharonian, vom 20. Juli.
„... Sie können sich dort keine Vorstellung davon machen, welchen ungeheuren Maßstab die Flucht unserer Nation angenommen hat und wie furchtbar das daraus entspringende Elend ist. Von Eriwan bis Dilidjan und Neubayazid sind die Straßen ein einziges Meer von armenischen Flüchtlingen. Die Heeresstraße zwischen Tiflis und Wladikawkas ist bedeckt von flüchtenden Armeniern... Die 80000 Armenier von Achalkalaki sind in den Schluchten von Bakuriani zusammengedrängt, ausgesetzt den amtlichen und nichtamtlichen Feindseligkeiten der fremden Ortsobrigkeiten. Die Täler von Karakilissa sind gefüllt mit Flüchtlingen. Dort befinden sich alle armenischen Einwohner von den Bezirken Kars und Alexandropol. Tataren aus Kaasch und Bortschalu haben, ermutigt durch die Gegenwart der türkischen Truppen, unmenschliche Metzeleien gegen sie verübt. So haben sie allein im Bezirk Karakilissa 2000 Armenier ermordet. Auf der Station Aschaghaserail wurden armenische Waisen, die mehrere Waggons füllten, mit ihren Lehrerinnen niedergemetzelt. Überhaupt ist die Eisenbahnlinie von Karakilissa bis Tiflis das „Schlachthaus“ unserer Nation geworden... Die Schar der Flüchtlinge, die an Zahl eine halbe Million übersteigt, schwindet in Not und Elend dahin, täglich und stündlich... Wenn nicht sehr bald unser Gebiet bis zur Brester Grenze geräumt wird, ist unser Volk verloren...“
Aus dem Brief des Ministers des Auswärtigen, Herrn Chatissian, vom 20./23. Juli.
„... Auf unsere Note, betreffend die Frage der Flüchtlinge, hat die türkische Regierung noch nicht geantwortet, obgleich sie versprochen hatte, die Angelegenheit binnen drei Tagen zu prüfen... Die türkischen Truppen verhalten sich sehr unkorrekt und begingen selbst Metzeleien in Karakilissa, Lori, Nucha, im Bezirk Achalkalaki usw..... Unsere Flüchtlinge gehen aus Lori über die Berge nach Dilidjan und von dort nach Neu-Bayazid und Eriwan. Die Türken führen die Tataren aus Kasach in den Bezirk von Kars über, um sie in den Ortschaften der geflüchteten Armenier anzusiedeln...“
Aus dem Briefe des Sekretärs der armenischen Delegation in Konstantinopel
Herrn Kotscharian, vom 20. Juli.
„... Der Verkehr ist noch nicht wiederhergestellt, weder nach Baku noch nach Eriwan.... Es bestätigt sich, daß viele Armenier aus der Ebene Schirak festgenommen und nach der Türkei verschleppt worden sind. In Elisabethpol sind die Armenier von den Türken ihrer Waffen beraubt worden.... Die armenischen Flüchtlinge aus den Tälern von Lori haben sich nach Kasach und andere Gegenden zerstreut. Die Heeresstraße nach Wladikawkas ist endgültig versperrt.... Die Flüchtlinge aus Achalkalaki sind noch nicht zurückgekehrt, Räuberbanden treiben in diesem Bezirk ihr Unwesen.... Die Zahl der armenischen Flüchtlinge allein aus unserem beschränkten Gebiet beläuft sich auf über 600000. Hunger und Epidemien herrschen unter ihnen und nehmen tagtäglich an Umfang zu.... Die Armenier entfernen ihre Familien aus der Stadt Baku...“
422.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.