Konstantinopel, den 3. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha hat folgendes Telegramm an Feldmarschall von Hindenburg gerichtet:
„Ich habe dem (türkischen) Auswärtigen Ministerium, welches sich mit der Frage der armenischen Flüchtlinge beschäftigt, mitgeteilt, ich könne vom militärischen Standpunkt zustimmen, daß die Flüchtlinge in das Gebiet bis zu 20 km östlich der Bahn Alexandropol-Dschulfa sowie in die Distrikte zurückkehren, in welchen keine Kämpfe zwischen Muselmanen und Armeniern stattgefunden haben[152]. Als solcher ist z. B. die Gegend von Batum anzusehen. Im einzelnen muß Oberbefehlshaber der 3. Armee bestimmen. Ich vermag noch nicht anzugeben, inwieweit hiernach vom Auswärtigen Ministerium die Zulassung der Flüchtlinge erfolgen wird, werde jedoch nicht verfehlen, die Angelegenheit beschleunigen zu lassen und Euerer Exzellenz Mitteilung von dem Ergebnis zu machen.
Zu meinem Bedauern bin ich aus zwingenden militärischen Gründen bei vollster Würdigung der Euerer Exzellenz leitenden Beweggründe und dem lebhaften Bestreben, den Wünschen Euerer Exzellenz zu entsprechen, nicht in der Lage, die Rückkehr der Armenier in vollem Umfang und ohne Einschränkung zuzulassen.
Ich bitte, bei Beurteilung dieser Frage unsere Lage den Armeniern gegenüber in Betracht ziehen zu wollen. Vor Baku, bei Dschulfa und bei Urmia stehen sie uns im Kampf gegenüber, ihre Verbindung mit den Engländern ist nachweisbar. Eine Trennung zwischen Volk und militärischem Gegner ist in diesem Falle kaum möglich bei aller Bereitwilligkeit, grundsätzlich nicht gegen eine Bevölkerung Krieg zu führen. Euere Exzellenz verlangen von mir, eine halbe Million zum Teil bewaffneter und feindlich gesinnter Einwohner im Rücken unserer kämpfenden Armeen zu lassen, ohne daß irgend eine Gewähr für ihr friedliches Verhalten gegeben werden kann. Sie werden jedoch wie früher im russischen, so jetzt im englischen Sold unserer Kriegführung Schwierigkeiten machen. Zurückgekehrt in Gebiete, die durch Jahrhunderte alten nationalen Haß durchwühlt sind, werden sie Anlaß zu neuen blutigen Kämpfen geben. Euere Exzellenz wollen berücksichtigen, daß seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet Kars sich die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert hat, welche alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind[153], da in dieser Gegend eine russische Aushebung nicht stattgefunden hat. Es ist unausbleiblich, daß das muselmanische Volk in diesen Gegenden zur Rache aufstehen wird, so daß die türkischen Truppen gezwungen wären, um die Armenier zu schützen, gegen ihre eigenen Stammes- und Glaubensgenossen einzuschreiten. Gerade im Interesse der Menschlichkeit muß ein solcher erneuter Bürgerkrieg mit seinen unausbleiblichen grausamen Folgen vermieden werden. Die Rückkehr der Armenier würde ein Truppenaufgebot im Innern bedingen, welches die beabsichtigten Operationen unmöglich machen und unsere Kriegführung lahmlegen würde. Euere Exzellenz bitte ich, bei Beurteilung unseres Verhaltens diese Verhältnisse würdigen zu wollen.
Wenn ein Abzug der Armenier aus Baku und ihre Rückkehr in das armenische Staatsgebiet unmittelbar oder durch Vermittlung des Generals von Kreß verlangt wird, so werden von dem in Aserbeidschan kommandierenden türkischen Befehlshaber keine Schwierigkeiten gemacht werden. Ihre Entfernung aus Baku kann uns nur erwünscht sein, da es leichter sein wird, sich mit den dortigen Russen zu verständigen, falls nicht der dort anscheinend herrschende Einfluß eine Verständigung verhindert.“
423.
(Auswärtiges Amt.)
Berlin, den 4. August 1918.