426.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Tiflis, den 5. August 1918.
Am 30. v. M. abends fuhr ich mit Baron Frankenstein und einigen Herren meines Stabes von Tiflis über Alexandropol nach Eriwan, um mich der armenischen Regierung vorzustellen. Essad Pascha hatte sein Versprechen gehalten und dafür gesorgt, daß unser Zug ohne ernstliche Belästigung das von den Türken besetzte Gebiet passieren konnte. Die Fahrzeit betrug etwa 22 Stunden. Wir trafen um 9 Uhr abends in Eriwan ein und wurden noch zu einem vom Bürgermeister gegebenen Essen eingeladen. Am 31. vormittags machten wir den Ministern und dem Vorsitzenden des Nationalrats unseren Besuch und fuhren dann nach Etschmiadzin, um dem Katholikos unsere Aufwartung zu machen. Seine Heiligkeit lud uns zu Tisch. Nachmittags kamen der Ministerpräsident und der Präsident des Nationalrats zu einer langen vertraulichen Besprechung zu uns. Abends wurde uns zu Ehren ein Bankett gegeben, an dem alle Würdenträger der Republik Armenien teilnahmen.
Ich trat noch am gleichen Abend die Rückreise an, während Baron Frankenstein die Einladung zur Teilnahme an der am nächsten Tage stattfindenden Parlamentseröffnung annahm. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, meinen Aufenthalt in Eriwan zu verlängern, weil die zurzeit bestehende Spannung zwischen Aserbeidschan und Georgien meine sofortige Rückkehr nach Tiflis wünschenswert machte.
Die Aufnahme, die uns von der Regierung und der Bevölkerung zuteil wurde, war warm und sympathisch. Mir fiel besonders vorteilhaft die gute Haltung und Straßendisziplin der armenischen Offiziere und Soldaten auf. Der Oberkommandierende General Nazarbekow macht einen sehr guten Eindruck; er soll auch in der russischen Armee den Ruf eines besonders tüchtigen Generals besessen haben.
Der Bolschewismus scheint beim armenischen Volke und beim armenischen Soldaten nur wenig Anhänger gefunden zu haben.
An der Spitze der Regierung steht als Ministerpräsident Herr Ruben Katschasnuni, ein etwa 60 jähriger, verständiger, sympathischer Mann, Minister des Innern ist Herr Aram Marukian, Minister des Auswärtigen Herr Alexander Chatissian, Kriegsminister General Aschwerdian und Finanzminister Herr Chatschatur Kartschikian.
Die Herren scheinen ruhige besonnene und zielbewußte Arbeiter zu sein.
Eine imponierende Persönlichkeit ist der Katholikos. Ein schöner stattlicher Greis von etwa 70 Jahren, von der Würde seiner hohen Stellung und dem ganzen Gewicht der auf ihm lastenden Verantwortung durchdrungen, klug und zielbewußt, während der Verhandlungen von einer geradezu abweisenden Zurückhaltung und Kälte, bei Tisch der aufmerksamste und liebenswürdigste Hausherr.