Die Unterredung des Katholikos mit Baron Frankenstein und mir nahm einen geradezu dramatischen Verlauf. Während von draußen das Summen und Brausen der tausendköpfigen Menge von Flüchtlingen, die in den weiten Höfen des Klosters biwakieren, in das klösterliche Gemach hereindrang, sprach sich der greise Katholikos bei der ergreifenden Schilderung des Elends seines Volkes, das der Vernichtung preisgegeben sei, und dem er als oberster geistlicher Hirte nicht helfen könne, in eine solche Erregung hinein, daß er am ganzen Körper zitterte. Er beruhigte sich wieder, als ich die Rolle schilderte, die die Mittelmächte bei den Armeniergreueln 1915 gespielt haben und ihm auseinandersetzte, wie Deutschland, das mit einer Welt von Feinden um seine Existenz kämpfte, der Armenier halber nicht das Bündnis mit den Türken auf das Spiel setzen konnte, und deshalb gezwungen war, sich auf Proteste gegen das Vorgehen der Türken in der Armenierfrage zu beschränken.

Im folgenden erlaube ich mir, die augenblickliche Lage Armeniens zu skizzieren, wie sie sich mir auf Grund persönlicher Beobachtung und auf Grund der Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten darstellt.

Die Armenier sind zurzeit von den Türken auf einem ganz kleinen Gebiete eingekreist, das mit Ausnahme des Beckens von Eriwan vollkommen Hochgebirgscharakter trägt und nahezu völlig unproduktiv ist. Ebenso wenig wie gegenüber Georgien haben die Türken Armenien gegenüber die Bestimmungen des von ihnen selbst diktierten Friedens von Batum eingehalten. Sie haben jenseits der von ihnen festgesetzten Grenze eine Reihe von Gebieten besetzt, deren Verlust für Armenien ganz besonders schmerzlich ist, weil ihnen dadurch auch noch die letzten Produktionsgebiete abgenommen wurden.

Zurzeit scheinen die Türken von Aserbeidschan aus gegen die zu 90 Prozent von Armeniern besiedelte Provinz Karabach vorgehen und die dortige Bevölkerung entwaffnen zu wollen, unter dem Vorwand, daß dort neuerdings die Armenier gegen die Muselmanen aggressiv geworden seien.

Die türkische Politik gegen die Armenier zeichnet sich klar ab. Die Türken haben ihre Absicht, die Armenier auszurotten, noch keineswegs aufgegeben, sie haben nur ihre Taktik gewechselt. Man reizt die Armenier, wo nur irgend möglich, man provoziert sie in der Hoffnung, dadurch einen Vorwand zu neuen Angriffen auf Armenien zu erhalten. Gelingt dies nicht, so will man sie aushungern und wirtschaftlich völlig ruinieren. Zu diesem Zwecke wird das unter nichtigen Vorwänden entgegen dem Vertrag von Batum besetzte Gebiet systematisch und planmäßig ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, abgeführt. Die Beute an Kriegsmaterial, die die Türken in und bei Alexandropol gefunden haben, ist außerordentlich groß. Daß sie entgegen den Bestimmungen des Aprilvertrages auch alle Baumwolle ausführen, deren sie habhaft werden können, habe ich bereits gemeldet. Baron Frankenstein, der im Kraftwagen über Akstafa hierher zurückreiste, begegnete einer Kolonne von 3–400 schwer mit Baumwolle beladenen Bauernwagen, die aus Aserbeidschan nach Karakilissa fuhren.

Der Widerstand, den die Türken allen Aufforderungen zum Räumen des widerrechtlich besetzten Gebietes entgegensetzen, ist meines Erachtens lediglich darauf zurückzuführen, daß es ihnen noch nicht gelungen ist, alle Beute aus diesen Gebieten wegzuführen. Armenien befindet sich demgegenüber in einer sehr schwierigen Lage. Die Regierung ist fest entschlossen, alles zu vermeiden, was den Türken einen Vorwand zu neuen Angriffen geben könnte; aber sie besitzt nicht die Macht, zu verhindern, daß sich immer wieder neue Banden bilden. Es sind weniger politische Motive, aus denen heraus diese Banden entstehen, als der Hunger, der die Leute zwingt, auf Raub auszuziehen. Die Armenier in Karabach sind wilde Bergstämme, die niemals freiwillig ihre Waffen ausliefern werden. Wenn die Türken trotz meiner Warnungen die Entwaffnung durchführen wollen, so sind heftige Kämpfe mit allen den hier üblichen Begleiterscheinungen unvermeidlich. Der bekannte Bandenführer Andranik sollte in Armenien verhaftet werden. Man konnte aber nur eines Teiles seiner Bande habhaft werden, der Rest, unter Andraniks Führung, ist aus der Republik Armenien geflohen und führt nun auf eigene Faust Krieg gegen die Türken. Die armenische Regierung ist sich der Gefahr, in der sich ihr Land dauernd befindet, wohl bewußt. Sie ist entschlossen, dem Kampf auszuweichen und ihn solange wie irgend möglich zu vermeiden. Sie ist aber ebenso fest entschlossen und weiß sich darin mit dem ganzen armenischen Volke eins, sich bis zum letzten Mann zu verteidigen, falls die Türken ihr Land nochmals angreifen sollten. Die Türken würden dann in einen Gebirgskampf verwickelt, der unter Umständen recht beträchtliche Kräfte auf längere Zeit bindet — falls die Armenier nicht durch den Hunger besiegt werden.

Die Behauptung Envers, die Türken müßten die Bezirke von Alexandropol, Karakilissa usw. besitzen, um Zusammenstöße zwischen Armeniern and Georgiern zu verhindern, ist darauf berechnet, soviel Zeit zu gewinnen, daß die Ernte aus diesen Gebieten weggeführt und die Gebiete noch völlig ausgeraubt werden können.

Was die innere Lage Armeniens angeht, so wird sie außerordentlich erschwert durch die große Anzahl von Flüchtlingen, die sich gegenwärtig auf dem kleinen Gebiet Armeniens und insbesondere in der Gegend von Eriwan angesammelt haben.

Die eingesessene Bevölkerung des derzeitigen Gebietes der Republik Armenien wird auf 750000 Köpfe geschätzt. Auf dem Gebiet, das schon diese Leute nicht annähernd ernähren kann, befinden sich zurzeit aber außerdem noch 300–500000 Flüchtlinge. Diese Leute sind Hals über Kopf vor den Türken geflüchtet und mußten vielfach ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen. Die geringen Vorräte, die sie mitgebracht haben, sind schon längst verzehrt. Sie schlachten nach und nach ihr Vieh und berauben sich damit der letzten Möglichkeit zu Gründung einer neuen Existenz. Die Regierung schreitet energisch gegen Marodeure ein, aber der Hunger ist stärker als die Furcht vor der Strafe. Auf diese Weise geht auch der eingesessenen Bevölkerung der größere Teil ihrer Ernte verloren. Mit gebundenen Händen müssen inzwischen die Armenier zusehen, wie in den von Türken besetzten Gebieten die Ernte weggeführt wird oder zugrunde geht. Die armenische Regierung und den Katholikos bedrückt die doppelte Sorge, wie die Bevölkerung im laufenden Jahre ernährt werden soll und wie sich die Ernährungsfrage in der Zukunft gestalten wird. Wenn es den Zentralmächten Ernst ist mit ihrer Absicht, die Armenier vor der Vernichtung zu schützen, so müssen sie ihnen auch so viel Grund und Boden verschaffen, daß wenigstens die Hauptmenge des Verpflegungsbedarfes aus dem Lande gedeckt werden kann. Über das laufende Jahr aber müssen wohl oder übel die Zentralmächte durch Getreidelieferungen hinweghelfen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Deutsche Reich ruhig zusehen kann, wie die Muhammedaner ein christliches Volk der Vernichtung durch Hunger preisgeben.

Nachdem die Türken trotz unserer Vorstellungen die armenische Ernte zugrunde gehen ließen, ist es wohl nicht mehr wie recht und billig, daß das zum Unterhalt des armenischen Volkes benötigte Getreide jenen Beständen entnommen wird, die die Türken sonst aus der Ukraine oder aus Rumänien erhalten würden.