Die armenischen Flüchtlinge leben im Freien. In kürzester Zeit werden die Nächte kalt. Dann wird sich zum Hunger der Frost gesellen, um die Flüchtlinge zu dezimieren, wenn sie nicht vorher in ihre Heimat zurückkehren durften. Unsere Hilfe muß bald wirksam werden, sonst kommt sie zu spät. Wenn die Konferenz von Konstantinopel noch lange auf sich warten läßt, sind viele Tausende von Menschen zum Tode verurteilt.
Die Frage, was zu geschehen hat, um Armenien lebensfähig zu machen und ihm zu ermöglichen, unter Anlehnung an eine der Mittelmächte ein selbständiges Dasein zu führen, möchte ich dahin beantworten, daß Armenien die Grenzen des Brest-Litowsker Vertrages erhalten muß, aber ohne daß den Türken die von ihnen angestrebten Grenzberichtigungen bewilligt werden. Gerade diese Grenzberichtigungen würden Armenien seiner besten Grenzgebiete berauben. Wenn diese Gebiete den Türken überlassen werden, so geht ihre Produktion infolge der geschäftlichen Untüchtigkeit der Türken sofort zurück und ist für den Markt verloren.
Bei entsprechendem Ausbau der Bewässerungsanlagen, bei Einfuhr der nötigen Maschinen usw. werden die Armenier, aber niemals die Türken, aus diesen fruchtbaren Gebieten eine reiche Ernte von Seide, Baumwolle, Reis, Wein, Kognak, Spiritus und Obst, wahrscheinlich auch an Montanprodukten, herausholen.
Ich werde mir in Bälde erlauben, Euerer Exzellenz einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Armenien vorzulegen.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
427.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 6. August 1918.