Scheubner.

18.

Kaiserlich
Deutsches Konsulat.

Alexandrette, den 7. März 1915.

In den letzten Tagen haben bei sämtlichen hiesigen Rajahs — Armeniern, Syrern, Griechen — auf höheren Befehl (dem Vernehmen nach aus Konstantinopel) Haussuchungen stattgefunden. In einer Anzahl von Häusern wurden Papiere beschlagnahmt, anscheinend nur deswegen, weil sie fremdsprachlich waren. Dasselbe Schicksal hatten Bücher, besonders englische. Eine Verhaftung ist auf Grund des Ergebnisses bisher nicht erfolgt. Soweit ich den Charakter und die Tätigkeit der hiesigen kleinen Bevölkerung bisher kennen gelernt habe, glaube ich auch nicht, daß diese sich landesverräterisch betätigt. Aus diesem Grunde erregte die Maßregel auch bei den nicht betroffenen hiesigen fremden Staatsangehörigen Kopfschütteln. Durchgeführt wurde sie übrigens in verbindlichen Formen.

Die Maßnahme hängt, wie ich von militärischer Seite höre, mit dem Mißtrauen zusammen, das in Regierungskreisen neuerdings gegen die christlichen, besonders die armenischen Bevölkerungsbestandteile Syriens und Ciliciens — wohl auch anderwärts — wieder stärker geworden ist und das hier und in der benachbarten Gegend durch kleine Vorkommnisse genährt worden ist. So haben sich z. B. unter den Gendarmen, die, wie gemeldet, bei zwei Landungen des Kreuzers „Doris“ in englische Gefangenschaft gerieten, Armenier befunden. Das eine Mal soll der armenische Unteroffizier der sieben Mann starken (mit nicht funktionierenden Martinis ausgerüsteten) Besatzung eines kleinen (ohne rückwärtigen Ausgang angelegten) Schützengrabens das Zeichen der Ergebung mit dem Taschentuch gegeben haben. So naheliegend es ist, dieses Verhalten aus dem Mangel soldatischer Eigenschaften zu erklären, sahen die hiesigen Militärbehörden darin Verrat. Der gemeine Mann wird diesen Eindruck erst recht gehabt haben. Die Folge dieser beiden Vorfälle war denn auch eine panikartige Stimmung unter den hiesigen Armeniern.

Diese hat sich verschärft durch das Vorgehen der Militärbehörden in dem 30 km von hier gelegenen, zum Wilajet Adana gehörigen Flecken Dörtjol. Was dort eigentlich geschehen ist, habe ich des näheren noch nicht feststellen können[37]. Nach Angabe der hiesigen Militärbehörde handelt es sich um eine Razzia, die vor einer Woche dort als einem bekannten Zufluchtsort für Deserteure, Räuber und Unruhestifter vorgenommen wurde. Nach anderen Angaben sollen sämtliche arbeitsfähigen Leute zwangsweise zum Wegebau nach Osmanije abgeführt worden sein. Tatsache ist, daß der Ort militärisch eingeschlossen und der Eintritt sowie das Verlassen nur gegen militärischen Passierschein erlaubt ist.

Hoffmann.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter
Herrn Freiherrn von Wangenheim, Konstantinopel.

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