Der Konsul bestätigt es: „Da ein Aufstand der hiesigen Armenier nicht zu erwarten ist, ist diese Maßnahme grausamer Ausschließung unbegründet und ruft Erbitterung hervor.“ (16. Mai.) Talaat Bey, der Minister des Innern, bei dem die Botschaft anregt, die Aussiedelungsmaßregel zu mildern, „zeigt sich abgeneigt“, da man gerade in Erzerum belastende Korrespondenzen, Waffen und Bomben gefunden habe (29. Mai). Auf Anfrage drahtet der Konsul v. Scheubner-Richter aus Erzerum: „In Erzerum und Umgebung wurden Bomben und dergleichen nicht gefunden, was auch vom Wali bestätigt werden kann.“ (2. Juni.)
In Cilicien und im Wilajet Erzerum waren die Dinge ihren eigenen Weg gegangen. Ein Zusammenhang bestand nicht, allgemeine Maßregeln gegen die armenische Bevölkerung des Reiches schienen nicht beabsichtigt zu sein. Auch im Wilajet Erzerum sind bis Ende Mai keine Massakers vorgekommen, nur Aussiedelungen, die durch das Oberkommando angeordnet und mit militärischen Notwendigkeiten begründet wurden.
Inzwischen waren aus den Wilajets Bitlis und Wan Meldungen eingegangen, die ernsterer Natur waren. Sie schienen die Anschauung der Pforte zu rechtfertigen, daß die militärischen Operationen durch revolutionäre Bewegungen im armenischen Volkselement bedroht und die Sicherheit des Reiches gefährdet sei. Über indirekt gemeldete Aufstände in Bitlis und Musch, Gebiete, die für die Konsulate nicht erreichbar waren, lagen nähere Berichte nicht vor. Es hat sich später herausgestellt, daß dort bereits im Frühjahr ein Anschlag türkischer Gendarmen auf das Dorf Goms zu Unruhen geführt hatte, die durch Vermittlung der Behörden und des armenischen Abgeordneten Papasian auf Anordnung Talaat Beys gütlich beigelegt wurden. Davon war aber der Botschaft nichts mitgeteilt worden. ([Anhang Nr. 2]).
3. Die Unruhen von Wan.
Am 22. April wurde der Botschaft aus Erzerum gemeldet: „In Wan und Umgebung Armenierunruhen (vermutlich infolge russischer Umtriebe) ausgebrochen. Straßenkampf, Telegraphenlinien zerstört, Verbindung mit Persien unterbrochen.“
Die alarmierende Nachricht wurde von der Pforte bestätigt.
Eine Aufklärung über die Ursachen und den Verlauf der Vorgänge in Wan hat die Botschaft von der Pforte niemals erhalten. Erst Monate später sind darüber von amerikanischen und deutschen Missionaren, die die Dinge miterlebt haben, authentische Mitteilungen nach Europa gelangt ([Anhang Nr. 3]).
Was war in Wan geschehen? — Mitte Februar war Djevdet Bey, der Wali von Wan, ein Schwager Enver Paschas, aus dem Gebiet von Salmas und Urmia zurückgekehrt, wo er sich an dem nordpersischen Feldzuge türkischer und kurdischer Truppenteile beteiligt hatte. In einer Versammlung von türkischen Notabeln äußerte er sich: „Wir haben mit den Armeniern und Syrern von Aserbeidschan reinen Tisch gemacht, wir müssen mit den Armeniern von Wan das gleiche tun.“ Die Kaimakams (Landräte) seiner Provinz wies er an, beim geringsten Anlaß gegen die Armenier vorzugehen. Mit den Armeniern von Wan (20000 Seelen) stellte er sich zunächst freundlich. Es wurden Kommissionen gebildet und auf die Dörfer geschickt, um den Plünderungen der Kurden und den Gewalttaten der Gendarmen Einhalt zu tun. Inzwischen zog Djevdet Bey Verstärkungen aus Erzerum heran. Als in Schatakh, einem überwiegend armenischen Dorf, Streitigkeiten mit Gendarmen ausbrachen (14. April) bat er die drei Führer der Armenier, Wramian, Ischchan und Aram, mit dem Müdir der Polizei von Wan nach Schatakh zu gehen, um den Streit zu schlichten. Ischchan ging und nahm drei andere Armenier mit sich. Der Müdir der Polizei begleitete sie mit tscherkessischen Saptiehs. Halbwegs übernachtete man in Hirtsch. Als die Armenier schliefen, ließ sie der Müdir der Polizei durch die Tscherkessen ermorden. In der Frühe des nächsten Tages, ehe man noch in Wan etwas von dem Meuchelmorde wußte, ließ der Wali Djevdet Bey die beiden zurückgebliebenen armenischen Führer Wramian und Aram zu sich bitten. Aram war zufällig abwesend. Wramian geht arglos zum Wali und wird, sobald er den Konak betreten hat, verhaftet. Der Wali schickt ihn gefesselt über Bitlis nach Diarbekr. Unterwegs wird er ermordet. Noch am selben Morgen bereitet Djevdet Bey den Angriff auf die Armenierviertel der Stadt vor. Gleichzeitig setzen die Massaker in Ardjesch und den Dörfern von Hayozdzor ein. Um Weib und Kind vor dem drohenden Massaker zu schützen, verschanzen sich die Armenier der Stadt in ihren Vierteln. Sie hatten keinerlei Verbindung mit Rußland. Vier Wochen verteidigten sie sich gegen die türkischen Truppen, die sie belagerten und beschossen. Ihre Vorräte waren erschöpft. Am 15. Mai fand ein letztes Bombardement statt. In der Nacht darauf verließ Djevdet Bey mit den Belagerungstruppen zum größten Erstaunen der Armenier die Stadt. Sie wußten noch nichts davon, daß die russische Armee auf der ganzen kaukasischen Front im Vormarsch war. Am 19. Mai, 30 Tage nach dem Beginn der Belagerung, zogen die Russen in Wan ein. Für den Vormarsch der Russen war die Entsetzung von Wan eine unbedeutende Episode. Ihre Hauptmacht stieß (wie Konsul Anders schon vor dem Kriege vorausgesehen hatte) nördlich vom Wansee in der Richtung auf Musch und Bitlis vor. Auch für die Armenier von Wan bedeutete die Entsetzung der Stadt nur, daß sie sich selbst und ihre Familien durch ihr tapferes Ausharren errettet hatten; denn schon am 31. Juli räumten die Russen Wan und nötigten die ganze armenische Bevölkerung in den Kaukasus überzusiedeln.
Die Pforte mußte über den Charakter des Aufstandes von Wan, der ein Akt der Selbstverteidigung war, unterrichtet sein. Sie wußte, daß dieser „Aufstand“ von dem Wali Djevdet Bey provoziert war und mit den russisch-türkischen Operationen in keinem Zusammenhang stand. Der Bericht über Wan ([Anhang Nr. 3].) liest sich, ebenso wie der von Suedije ([Anhang Nr. 1].), wie ein Kapitel aus einem Cooperschen Indianerroman, nicht wie eine Episode des Weltkrieges.