Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Art, wie der „Aufstand“ von Wan — mit der Bitte um Geheimhaltung — der Botschaft von der Pforte dargestellt wurde[3].

Die Berichte lauteten:

24. April: Gebäude der Dette Publique und der Post in die Luft gesprengt, Straßenkämpfe, 20 Tote.

27. April: Aufruhr in Wan unterdrückt. Kurden am Aufstand beteiligt. 400 Armenier getötet, die übrigen nach Rußland geflohen.

6. Mai: Neue Kämpfe in Wan. Türkische Verluste 600 Mann.

9. Mai: Unruhen in Wan dauern an. Türken 1000, Armenier 3000 Tote.

Sprungweise gehen die Verluste, von 20 auf 400, auf 600, auf 4000 in die Höhe. In Wahrheit sind bei den Armeniern während der vierwöchentlichen Belagerung vom 20. April bis zum 17. Mai 18 Tote und bei den Türken schwerlich viel mehr gefallen[4]. Falstaff ist nichts gegen Djevdet Bey.

Warum diese grotesken Übertreibungen? Enver Pascha war doch sicherlich von seinem Schwager Djevdet gut unterrichtet. Man wollte der Botschaft beweisen, daß alles auf dem Spiel stehe, daß der Bestand des Reiches durch eine ganz gefährliche Erhebung der Armenier bedroht sei. Der Zweck wurde erreicht. Die Botschaft glaubte es.

4. Der Beschluß der allgemeinen Deportation.

Bei seiner Rückkehr von der kaukasischen Front im Februar des Jahres hatte Enver Pascha als Kriegsminister und Generalissimus der türkischen Armee auf eine Adresse des Bischofs von Konia erwidert: „Ich sage Ihnen meinen Dank dafür und benütze die Gelegenheit, um Ihnen auszusprechen, daß die armenischen Soldaten der ottomanischen Armee ihre Pflichten auf dem Kriegstheater gewissenhaft erfüllen, was ich aus eigener Anschauung bezeugen kann. Ich bitte der armenischen Nation, die bekannt ist für ihre vollkommene Ergebenheit gegenüber der Kaiserlich Ottomanischen Regierung, den Ausdruck meiner Genugtuung und Dankbarkeit zu übermitteln“. (Osmanischer Lloyd vom 26. 2. 1915). Auch dem armenischen Patriarchen gegenüber hatte Enver Pascha „seine besondere Zufriedenheit ausgesprochen über die Haltung und Tapferkeit der armenischen Soldaten, die sich in ausgezeichneter Weise geschlagen hätten“, hatte aber schon damals bezeichnenderweise hinzugefügt, „daß er beim geringsten Vorkommnis in den östlichen Armenierzentren mit drakonischen Maßnahmen einschreiten würde“. Wie kam es, daß mit dem 20. April das Urteil über die Ergebenheit der armenischen Nation so plötzlich umschlug? Der „Aufstand“ von Wan war das tragische Moment in der armenischen Schicksalstragödie. Das Stichwort für die „drakonischen Maßnahmen“ Enver Paschas war gegeben.