Dem Eingang der eingegangenen Hilfsgelder entsprechend, die anfangs ziemlich spärlich flossen, konnte ich Waisen unterstützen. Erwachsene mußten sehen, wie sie sich durchbrachten, an Arbeit fehlte es damals nicht, weil die Muhammedaner Dienerinnen benötigten. Ich trug die Namen der Waisen, welche ich unterstützen konnte, in fortlaufender Nummer in ein Buch ein. Auf der Karte, welche das unterstützte Kind erhielt, waren die Unterstützungen eingetragen, damit ich doch eine gewisse Kontrolle hatte. Ein Arbeitsmangel für die vielen Witwen trat erst zu Anfang 1917 ein, als große Transporte von Armeniern aus dem Deportiertenlager, aus Rakka hierher gebracht worden waren, und als eine Teuerung begann, weshalb viele Araber ihre armenischen Schützlinge nach der Stadt schickten.

Ich ließ nun feine Handarbeiten verfertigen, in denen so viele Armenierinnen große Künstler sind. So ließ ich über 13000 Taschentücher mit feinen Spitzen anfertigen. Allein deren Herstellung erforderte gar bald so große Summen, daß alsdann für die vielen Waisen keine Hilfe mehr möglich gewesen wäre. Eine Umsatzmöglichkeit war ausgeschlossen, weil solche Tücher für Europa und Amerika bestimmt sind, und wegen des Krieges an einen Transport nicht zu denken war. Aus gleichem Grunde ging auch eine im Frühjahr angefangene Seidenzucht wieder ein. Es war da ein junger verbannter Armenier aus Brussa, der ein Diplom hatte als Seidenzüchter, der arbeits- und brotlos war. Dem verhalf ich zur Arbeit, indem ich ihn Seide züchten ließ, und da wir bestimmt auf ein baldiges Kriegsende rechneten, so ließ ich ihn auch für das andere Frühjahr Brut bereiten. Allein der Krieg ging nicht zu Ende. Jemand, der die Kokons hätte verarbeiten können, fand sich nicht, auch kein Seidenweber. Nicht einmal ein Käufer für die Kokons ließ sich auftreiben. Und als die junge Brut im Frühjahr 1918 ausschlüpfte, war niemand da, der hier und anderswo danach verlangte. Auch der Mann aus Brussa hatte Urfa wieder verlassen. So blieb mir nichts anderes übrig, als die wimmelnde Brut wegzuwerfen.

War die Zahl der unterstützten Waisenkinder im Juni 1916 bloß 87, so stieg sie bis zum Juni 1917 auf über 2000. Im Sommer 1917 aber kam wieder ein Abtransport. Man benötigte zum Straßenbau Frauen und Kinder, weshalb viele nach Biredjik und Surudj gebracht worden waren. Andere wieder flohen und suchten ihre alte Heimat wieder aufzufinden. Manche von diesen erhielten etwas Zehrgeld von uns.

Eine schwierige Arbeit war die Versorgung der Armenier in anderen Städten, welche zum Sandjak Urfa gehörten. Rakka war ein Emigrantenzentrum. Diese Stadt war bis Frühjahr 1917 von Aleppo aus vom amerikanischen Konsul versorgt worden. Nach Wegzug dieses Konsuls wurde mir vom deutschen Konsul in Aleppo diese Arbeit übergeben. Zweimal konnte ich Mittel hinsenden und zweimal ging ich selbst mit bedeutenden Mitteln hin. Das zweite Mal aber wurde ich einige Tage festgehalten. Der Gendarmeriekommandant hatte von mir Bestechung erwartet. Nach Biredjik und Adiaman gelang es mir, kleine Summen zu senden und sie dort durch deutsche Offiziere zu verteilen. Den an der Straße von Surudj Frohndienst leistenden halbnackten Kindern und Frauen konnten wir einmal zwei Lasten Kleider bringen. Aus Dörfern der Umgebung kamen zuweilen Armenier, welche im Namen der daselbst befindenden Notleidenden Hilfe erbaten. Geringe Mittel konnten wir geben.

Im Dezember 1916 begab ich mich nach Aleppo, um dem amerikanischen und deutschen Konsul auch die Not der kurdischen Emigranten ans Herz zu legen, die zu Tausenden an den Wegen und in den Dörfern Hungers starben. Ich hoffte durch eine Unterstützung auch dieser Emigranten eine Erleichterung für das armenische Hilfswerk von seiten der türkischen Regierung, die dies bislang so sehr beargwöhnte. Schon im Februar 1917 reifte die Frucht dieses Schrittes. Durch Konsul Jackson erhielt ich 700 Pfund, und vom deutschen Konsul 300 Pfund für diesen Zweck. Im März habe ich denn auch in Hunderten von Dörfern an Tausende von Muselmanen, die dem Hunger verfallen waren, Weizen und Gerste austeilen dürfen. Von diesem Zeitpunkte an konnte ich wenigstens in Urfa freier für die Armenier arbeiten.

Im Laufe dieser Notzeit haben wir auch armenische Familienreste leihweise, aber kräftig unterstützt. Diese hatten vor der Deportation bedeutende Summen bei Banken oder bei Missionen hinterlegt, welche sie aber jetzt unmöglich beziehen konnten.

Anfang 1917 richtete meine Frau heimlich, sorgfältig vor den Augen der Regierung versteckt, ein kleines Waisenhaus ein, nachdem sie schon früher in christlichen syrischen Familien eine Anzahl Ganzwaisen untergebracht hatte. Ende 1917 hatte sie schon zwei kleine Häuser mit Waisen gefüllt, denen sie sogar den Segen der Schule zuteil werden lassen konnte. Über hundert Kinder besuchten auch eine vom Hilfsgelde eingerichtete Schule im syrischen Stadtquartier. Doch dauerte diese Freude nicht lange. Durch jungtürkischen Ukas wurden alle nicht vom Staate geöffneten Schulen im ganzen Reiche geschlossen. Etwas Gescheiteres gab es offenbar für die Landesväter nicht zu tun während dieses fürchterlichen Krieges.

Neue Aufgaben brachte unserem Werke der Waffenstillstand. Da begannen Urfa-Armenier, sei es aus der Wüste, sei es vom Soldatenstande hierher zurückzukehren. Diese fanden hier ihre Häuser zerstört vor. Man mußte ihnen zu einem Bette verhelfen oder ihnen zu einem neuen Geschäftsanfange die Hand reichen.

Gott Bei Dank war nun der Bann gebrochen, den das jungtürkische Regime über das armenische Volk verhängt hatte, und das zur Vernichtung von wohl mehr als Dreiviertel des Volkes geführt hatte. Nun wehte ein anderer Wind. Durch Ausrufen ließ die Regierung in den Straßen der Stadt verkünden, daß jetzt kein Armenier mehr bedrückt werden dürfe, und daß alle armenischen Kinder, Jungfrauen und Frauen, selbst wenn diese verheiratet worden seien, jetzt entlassen werden müssen. Dieser Befehl aber war eine bittere Nuß für viele Muhammedaner. Besonders, die Frauen entlassen! Hatten doch viele sich Armenierinnen genommen und dann gefunden, daß so eine Armenierin doch eine ungleich bessere Hausfrau ist, als eine geborene Türkin. Immerhin, mit der Entlassung der besten unter ihnen hatten sie keine Eile. Erst entließ man einmal die Alten, Gebrechlichen und Kranken. Daneben diejenigen Kinder, welche man noch nicht recht zur Arbeit gebrauchen konnte. Aber eine große Menge wurde doch schon entlassen. Wohin sollten sich diese wenden? Eine armenische Gemeinde existierte seit 1916 in Urfa nicht mehr[172]. Zu Jakob Effendi, war die Losung der Befreiten! Damit war ich und meine Frau gemeint. Es war sehr gut, daß ich in jenen Tagen die Gebäude des amerikanischen Instituts von der Regierung zurückerhalten hatte. Wenn sie auch ihres Mobiliars beraubt waren, so waren doch wenigstens die Gebäude noch bewohnbar. Somit war Platz für mehrere Hunderte von Waisen geschaffen. Diese kamen denn auch in großer Zahl, sei es, daß sie von den Muhammedanern entlassen worden waren, oder selbst von diesen fortliefen. Allein sie kamen ohne Betten, oft ohne Kleider, viele von ihnen krank. Auch viele Frauen kamen an. Im Vertrauen auf Gott nahmen wir fast alles auf, was da kam. Die Gebäude füllten sich rasch. Leider aber stellten die Banken, durch welche wir unsere Hilfsgelder erhielten, ihre Auszahlungen ein. Der Geldmangel zwang mich, Ende November nach Aleppo auf die Suche nach Mitteln zu gehen. Allein auch dort war vorerst nicht viel zu holen. Um nicht mit leeren Händen nach Urfa zurückkehren zu müssen, griff ich zu etwas sonst nicht erlaubtem, ich schrieb einen Scheck auf die Bank in der Schweiz, durch die ich bisher Gelder von dort geschickt bekam. Mit dem Gelde des Schecks, es waren 10000 Franks, konnte ich viele Kleider, Bettwerk, Essen für die wachsende Kinderschar anschaffen. Aber schon im Januar dieses Jahres war wieder völlige Ebbe in der Kasse, trotzdem stieg die Zahl der aufgenommenen Waisen bis zu Ende des Monats auf 200. Diesmal half ich mir dadurch, daß ich Herrn Dr. Lepsius in Potsdam mit 26000 Mk. belastete, welche ich hier auch in der Hoffnung aufnahm, daß bei ihm gewiß wieder Hilfsgelder eingegangen sein werden, welche aber jetzt nicht hergesendet werden konnten. Anfang Februar erhielt ich auch von Mr. Fowle, American Board, wieder Hilfsgelder. Auch zeitigte meine im November nach Aleppo gemachte Reise eine neue Frucht, indem mein damals an das britische Hauptquartier gerichtetes Gesuch Erhörung fand und uns nun für das Hilfswerk eine bedeutende Summe zugestellt wurde.

Nun ist aber das amerikanische Institut voll besetzt. Eine Schule ist im Gange, Weberei, Schusterei und Spinnerei sind in Betrieb, aber der Waisen werden es täglich mehr. Zusammen mit einigen wenigen noch vorhandenen armenischen Männern wollen wir noch eins, zwei weitere Waisenhäuser einrichten. Diejenigen, welche von auswärts sind, und irgendwo westwärts Verwandte zu haben glauben, senden wir an die nächste Bahnstation, von wo sie durch englische Hilfe in die alte Heimat geschickt werden.