Die Wiener Hs. hat 199 Blätter. Nimmt man an, daß die von mir in derselben, mit Hilfe der spanischen und französischen Texte, nachgewiesenen Lücken weitere 5 Blätter ausmachen würden, so würde das dritte Buch der Trilogie in der portugiesischen Version 204 Blätter enthalten haben. Nach dem was ich gesagt habe, würden diesen 204 Blättern in der Hs. No. 112, 149, in der Huth-Hs. 295 Blätter entsprechen; mit ändern Worten, in demselben Stile wie die Huth-Hs. geschrieben, fehlen an dem zweiten Buche der Trilogie noch etwa 70 Blätter, also gerade noch einmal so viel als die fols. 22-58 der Hs. No. 112 enthalten.
4. Der Inhalt der fols. 17b-58b der Hs. No. 112.
Der Inhalt[35] der fols. 17 b-22a der Hs. No. 112, d.h. der ersten 18 Seiten der vorliegenden Ausgabe, ist bekannt durch SS. 228-254 des zweiten Bandes des Huth-Merlin und durch die in demselben am Rande des Textes hinzugefügten und am Ende in schematischer Form wiederholten knappen Noten. In ähnlicher, wenn auch in manchen Punkten verschiedener, Form ist derselbe auch zugänglich im vierten Buche in den Kapiteln XV-XVIII irgend einer der vielen Ausgaben der Le Morte Darthur von Sir Thomas Malory. Eine ausführliche Analyse der den fols. 17b-22a entsprechenden fols. 220a-230a der Huth-Hs. habe ich in meinen "Studies on the Sources",[36] d. h. im dritten Bande, SS. 135-145 meiner Ausgabe der Le Morte Darthur geliefert. Daselbst habe ich auch die Erzählung, wie sie die Huth-Hs. bietet, mit der Sir Thomas Malory's verglichen und die zwischen beiden bestehenden Unterschiede angedeutet. Es ist daher hier nur nötig, ganz kurz den Inhalt der fols. 17b-22a zu rekapitulieren, um den Zusammenhang zwischen dem Schlusse der Huth-Hs. und der in der Hs. No. 112 vorhandenen Fortsetzung herzustellen.
Artus[37] hat Ywain wegen der Verräterei seiner Schwester Morgain, die nach der Trilogie König Urien's Weib und Ywain's Mutter ist, von seinem Hofe verbannt. Gawain, der seinem Vetter Ywain sehr zugetan ist, beschließt ihn zu begleiten. Beide verlassen zusammen Camelot. Nachdem sie den Wald von Camelot durchzogen, kommen sie eines Tages an eine schöne Ebene und sehen daselbst zwölf Mädchen um einen Baum herumtanzen, an welchem ein weißer Schild hängt, den sie verunglimpfen und dessen Träger sie verhöhnen und beschimpfen, weil er die Mädchen von Großbritannien haße. Zwei bewaffnete Ritter zu Pferde sehen den Mädchen zu. Der weiße Schild gehört dem Morholt, dem Bruder[38] der Königin von Irland, demselben der später von Tristan erschlagen wird. Bald erscheint der Morholt selbst. Die Mädchen fliehen so schnell sie können, die beiden Ritter werden von dem Morholt aus den Sätteln gehoben und tötlich verwundet. Nachdem der Morholt auch mit Ywain und Gawain gefochten, schließen die drei Ritter Waffenbrüderschaft. Sie rasten vier Tage auf einem in der Nähe liegenden Schloß des Morholt und ziehen dann zusammen auf Abenteuer aus. An einer Quelle im Walde von Aroie treffen sie drei Jungfrauen, eine ist kaum fünfzehn, die zweite wenigstens dreißig, und endlich die dritte siebzig Jahre alt. Die drei Gefährten sind bereit sich von den drei Jungfrauen die Abenteuer des Landes zeigen zu lassen, und zwar folgt Ywain der Siebzigjährigen, der Morholt der Dreißigjährigen und Gawain der jüngsten. So weit reicht die Erzählung in der Huth-Hs. auf fol. 227d. Auf fols. 228-230b wird dann die Episode von der Damoiselle du Lac und von dem verzauberten Mantel erzählt, und unmittelbar darauf folgt die den Inhalt des dritten Buches der Trilogie betreffende Angabe II. In der Hs. No. 112 folgen nun die Abenteuer der drei Gefährten mit den drei Jungfrauen, die in der Form wie dieselben hier vorliegen, wahrscheinlich in unseren Tagen vor mir niemand gelesen hat. In der Analyse dieser Abenteuer, die ich hier gebe, weisen die arabischen Zahlen in Klammern auf die Seiten meiner vorliegenden Ausgabe hin, und zwar steht jede Zahl am Beginne der Seite, deren Inhalt erzählt wird. Der Übersichtlichkeit halber, habe ich die Anfänge der in dem Text durch große Anfangsbuchstaben markierten Abschnitte in der Analyse stets durch entsprechende Absätze gekennzeichnet.
I. __Die Abenteuer Gawains__.[39] SS. 19-44. — (19) Nachdem Gawain sich von Ywain und dem Morholt verabschiedet hatte, ritt er mit seiner Jungfrau den ganzen Tag durch den Wald, ohne daß ihm etwas Bemerkenswertes passiert wäre. Am Abend kehrten beide bei einem alten vavasour ein, der sie freundlich aufnahm. Als Gawain seinem Wirte erzählte, daß er Abenteuer suchte, versprach dieser, ihm am nächsten Tage in dem Walde ein Wunder zu zeigen, welches bisher noch niemand zu erklären vermochte. Gawain wollte sogleich wissen, welcher Art das Wunder wäre, aber sein Wirt erklärte, er müßte dasselbe erst sehen. Am andern Morgen ritten Gawain, seine Jungfrau, sein Knappe und sein Wirt zusammen in den Wald. Nachdem sie einen Hügel erklommen hatten, kamen sie auf eine schöne Ebene, in deren Mitte, neben einer einzigen prächtigen Ulme, ein Kreuz stand. "Hier laßt uns absteigen", sagte der Wirt, "denn hier werdet ihr das Wunder sehen". Kaum waren alle drei abgestiegen, so sahen sie zehn wohlbewaffnete Ritter auf die Ebene kommen und in deren Mitte anhalten. "Bald wird ein einzelner Ritter kommen", sagte der Wirt, "der wird diese zehn der Reihe nach aus dem Sattel heben, und dann werdet ihr das Wunder sehen".
Kaum hatte der Wirt geendet, so erschien wirklich ein stattlicher Ritter ohne alle Begleitung. (20) Im Vorbeireiten grüßte er Gawain und die mit ihm waren, und Gawain wünschte ihm Ehre und Ruhm. Weinend antwortete der Ritter: "Gott könnte deinen Wunsch erfüllen, aber er tut es nicht, denn wie große Ehre ich auch gewinne, nachher habe ich um so größere Schande; und das ist nicht wunderbar, denn von hier geht keiner ohne Schande weg." Damit ritt der Ritter auf einen der zehn los, warf ihn nicht nur aus dem Sattel, sondern brachte auch sein Pferd zu Falle.
Hierauf tat er jedem der übrigen neun Ritter ein gleiches, ohne auch nur einen einzigen beim ersten Angriff mit der Lanze zu verfehlen.
Gawain pries die Gewandtheit und Tapferkeit des Ritters und sagte, einem solchen Manne könnte es nie an Ehre fehlen. Bald kamen die zehn Ritter, umringten ihren Besieger, töteten sein Pferd, fesselten ihn, banden ihn an den Schweif eines Pferdes und schleiften ihn mit sich fort. Gawain war empört, als er dieses sah, und wollte dem Mißhandelten zu Hilfe eilen, aber sein Wirt hielt ihn zurück und sagte: "Du setzest dein Leben aufs Spiel ohne jede Möglichkeit, dem Ritter zu helfen, bleibe hier und erwarte was noch weiter geschehen wird."
Nur ungern folgte Gawain dem Rate seines Wirtes, aber er setzte sich wieder neben seine Jungfrau. Bald sahen sie einen anderen schönen und wohlbewaffneten Ritter von der einen Seite her auf der Ebene erscheinen, während von der anderen (21) ein häßlicher Zwerg auf stattlichem Roß und wohlbewaffnet heranritt, ein Knappe zu Fuß folgte ihm und trug seinen Helm. Der Zwerg fragte den Ritter, ohne ihn eines Grußes zu würdigen, ob er die Jungfrau gesehen hätte. Der Ritter antwortete, er hätte sie nicht gesehen, sie werde aber bald kommen. Und tatsächlich erschien auch nach kurzer Zeit eine schöne Jungfrau auf weißem Pferde mit kostbarem weißen Sattelzeug, von zwei alten Damen begleitet. Sobald er ihrer ansichtig wurde, ergriff der Zwerg den Zügel ihres Pferdes und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der Ritter trat ihm aber entgegen, gebot ihm zu fliehen und beanspruchte die Jungfrau für sich. "Nicht ohne Kampf überlasse ich sie dir", erklärte der Zwerg, "denn ich habe so viel Recht auf sie wie du". "Ich kann mich nicht erniedrigen, mit einem wie du einer bist zu kämpfen, die Jungfrau aber nehme ich mit", erwiderte der Ritter. "Ich verlange nur was recht und billig ist", sagte der Zwerg, "du kannst mir nicht solches Unrecht tun wollen, doch laß uns jenen Ritter (auf Gawain deutend) zu unserem Schiedsrichter machen". Beide riefen Gawain und sagten zu ihm: "Herr Ritter, wir haben diese Jungfrau gestern zusammen erobert, jeder von uns begehrt sie, doch kann sie nur einem gehören, entscheidet wem". "Ich bin noch jung", sagte Gawain, "und kenne die Sitten dieses Landes nicht und könnte leicht eine Entscheidung (22) treffen, die euch nicht gefiele, daher mische ich mich sehr ungern in euren Streit". "Wir verpflichten uns mit deiner Entscheidung zufrieden zu sein, wie sie auch immer ausfallen möge," erklärten beide. Nachdem Gawain beide hatte schwören lassen, dieses Versprechen zu halten, sagte er zu ihnen: "Sagt mir vor allen Dingen, ob ihr die Jungfrau liebt und ob euch daran gelegen ist, daß meine Entscheidung ihr gefällt?" Beide erklärten, daß letzteres eine unerläßliche Bedingung sein solle. Dann fragte Gawain die Jungfrau, ob sie gleichfalls gewillt sei, bei seiner Entscheidung zu beharren, und als sie das bejahte, sagte er: "In diesem Falle wird niemand meinen Richterspruch tadeln, wenn ich erkläre, daß du zu demjenigen der beiden Bewerber gehen magst, den du am meisten liebst." Die Jungfrau dankte Gawain und ging dann, zu aller Verwunderung, zu dem Zwerge und begrüßte ihn als ihren Freund und Beschützer; und zu dem Ritter sagte sie: "Du hast mich verloren; ich hätte nie geglaubt, daß in so schöner Hülle so viel Schlechtigkeit stecken könnte;" damit ritt sie mit dem Zwerg, der jubelte, und mit ihren beiden Begleiterinnen davon. Der Ritter blieb traurig zurück und gestand Gawain, daß er die Jungfrau über alles liebte. Gawain konnte nicht verstehen, was die Jungfrau bestimmt haben konnte, eine so seltsame Wahl zu treffen. Weinend verabschiedete sich der Ritter von Gawain, und war ihm bald aus den Augen verschwunden. "Du hast mir wahrlich ein Wunder gezeigt", sagte Gawain, sich zu seinem Wirte wendend; "glaubst du, (23) daß wir heute hier noch mehr zu sehen bekommen werden?" "Sicherlich", erwiderte der Wirt, "wenn wir noch hier bleiben".
Alle vier, d.h. der Wirt, Gawain, seine Jungfrau und sein Knappe blieben bei dem Kreuze. Bald sahen sie zwei wohlbewaffnete Ritter in die Ebene reiten und auf sich zukommen. Einer derselben forderte Gawain, ihn beim Namen nennend, mit lauter Stimme zum Kampfe heraus. Gawain konnte sich nicht erklären, woher der Fremdling seinen Namen wußte, machte sich aber sogleich kampfbereit. Mit solchem Ungestüm ritten beide Gegner aufeinander los, daß beide zu Boden stürzten und die Pferde ihnen auf die Körper fielen. Als der andere Ritter das sah, sagte er zu Gawain's Jungfrau (der 15jährigen): "Wenn du Gawain verlassen willst, will ich dein Ritter sein und dich lieben und in Ehren halten." "Gern", antwortete die Jungfrau, "denn Gawain ist nicht ein so guter Ritter als ich glaubte". Damit wandte sich die Jungfrau an den Knappen, der Gawain von Camelot her gefolgt war, und sagte zu ihm: "Auch du solltest den schlechten Ritter verlassen, in dessen Dienste du nur Schande haben kannst; hast du nicht heute gesehen, wie er sich zurückhalten ließ, dem Ritter zu Hilfe zu eilen, den die zehn hinter sich herschleiften." Der Knappe zögerte nicht und folgte der Jungfrau. Als Gawain's Wirt das sah, bestieg auch er sein Pferd und ritt nach Hause.