Am dritten Tage als er durch einen dichten Wald kam, hörte Gawain zu seiner Linken einen ängstlichen Schrei. Er hielt an und horchte und hörte eine weibliche Stimme um Hilfe rufen. Er ritt in der Richtung von welcher die Stimme zu kommen schien schnell vorwärts und sah bald drei Pavillons vor sich, in deren Nähe sechs unbewaffnete Ritter einen Knappen zwangen, eine Jungfrau, die an den Schwanz seines Pferdes gebunden war, zu schleifen. Gawain eilte der Jungfrau zu Hilfe und erkannte den Zwerg, der auf der Plaine Aventureuse mit dem großen Ritter um die Jungfrau kämpfen wollte, und der hier dieselbe Jungfrau so mißhandeln ließ.

Schnell entschlossen sprengte Gawain heran, zerhieb mit seinem Schwerte die Stricke, mit denen die Jungfrau an den Schwanz des Pferdes befestigt war, und schlug dann mit der flachen Klinge den Knappen auf den Kopf, daß er zu Boden fiel. Als Gawain auch die Jungfrau erkannte, fragte er sie, wie sie den häßlichen Zwerg dem schönen Ritter hätte vorziehen können. "Nach dem, was du tatest, hätte dir kein Ritter zu Hilfe kommen sollen", sagte Gawain zu ihr, "denn durch deine Handlungsweise beschimpftest du alle guten Ritter". "Tadle mich nicht", bat die Jungfrau, "ich handelte wie ein Weib und habe meine Torheit schwer büßen müssen". Nun ergriff der Zwerg Gawains Zügel und sagte, daß er sein Gefangener wäre, wenn er ihm nicht für die Verletzung seines Knappen Genugtuung gewährte. "Laß meinen Zügel los", schrie Gawain, "oder ich züchtige dich, denn (42) du hast die Jungfrau mißhandeln lassen". Als die anderen Ritter dem Zwerge zu Hilfe kamen, verlor Gawain die Geduld.

Er schlug dem einen der Ritter den linken Arm ab und spaltete einem zweiten den Schädel. Als die übrigen das sahen, entflohen sie. Dann gab Gawain dem Zwerge mit der flachen Klinge eine Tracht Prügel und ritt, als dieser zu Boden gefallen war, ein paarmal über seinen Körper hin, so daß er für lange Zeit unfähig war zu reiten. Hierauf fragte Gawain die Jungfrau, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie in Sicherheit zu bringen. Er hieß sie ein Pferd besteigen und ihm zeigen, wohin er sie geleiten sollte. Unterwegs erkundigte er sich, weshalb sie so mißhandelt wurde. Sie erzählte, daß an demselben Morgen der Zwerg und seine Ritter jenem Ritter begegnet wären, den sie selber auf der Plaine Aventureuse dem Zwerge vorgezogen hätte, und ihn angegriffen hätten. Der Ritter hätte sie aber alle in die Flucht geschlagen. Darüber wären alle sehr traurig gewesen und hätten ihre Niederlage an ihr, als der Ursache derselben, rächen wollen. "Und wärest du mir nicht zu Hilfe gekommen", schloß die Jungfrau, "so hätten sie mich getötet". "Der Ritter war deinem eigenen Zeugnis gemäß ein braver", sagte Gawain, "wie konntest du ihn für einen solchen (43) Teufel gehen lassen?" "Es war töricht von mir, ich habe meine Dummheit schwer bezahlen müssen". "Und das geschah dir recht", sagte Gawain.

Nach einer Weile erreichten beide am Ausgang des Waldes ein festes Schloß. "Hier wohne ich", sagte die Jungfrau, "dieses Schloß ist mein; hier ruhe dich aus". Am Tore hoben Knappen ihre Dame vom Pferde und hießen sie willkommen. Gawain aber weigerte sich abzusteigen und sagte: "Ich habe dir bis hierher das Geleite gegeben, nun gehe ich, denn hier weile ich auf keinen Fall". "Das tut mir leid", sagte die Jungfrau, "aber ich weiß warum". Gawain ritt weg. __Die Erzählung wendet sich nun zu den Abenteuern des Morholt.__[40]

II. __Die Abenteuer des Morholt.__ SS. 43-66. Als der Morholt sich von Gawain und Ywain getrennt hatte, ritt er mit seiner Jungfrau (der dreißigjährigen) und seinem Knappen durch den Wald. Eines Tages kamen sie an eine weite Ebene; auf derselben lag an einem Flusse ein schönes Schloß. Vor dem Schlosse auf einer Wiese waren vierzig reich geschmückte Pavillons errichtet, und viele Ritter des Landes waren um ihren König versammelt, um, der damaligen Sitte gemäß, den Jahrestag seiner Krönung festlich zu begehen. Der Morholt sah dem Feste eine Zeitlang zu. Der König saß, die Krone auf dem Haupte, auf einem elfenbeinernen (40) Stuhl, sein Szepter lag auf einem silbernen Tische vor ihm. Er hatte sein Krönungsgewand angelegt und machte den Eindruck eines tapferen Ritters. Der König war Pellinor, der erst vor kurzem, zur Freude seines Volkes, vom Hofe Artus' zurückgekehrt war.

Ein Ritter kam auf den Morholt zu, begrüßte ihn und lud ihn ein, seine Waffen abzulegen und an dem Feste teilzunehmen. Der Morholt dankte und sagte, er könnte unter keinen Umständen bleiben. Damit war der Ritter nicht zufrieden, und bat den Morholt dringend zu bleiben, der aber machte sich mit seiner Jungfrau und seinem Knappen auf den Weg. Er war noch nicht weit gegangen, als der Ritter gewaffnet hinter ihm her kam und ihn aufforderte, zurückzukehren, da sein König es wünschte. "Dein König ist nicht höflich", sagte der Morholt, "wie kann er wissen, was ich zu tun habe?" "Darauf kommt es nicht an", entgegnete der Ritter, "wenn du nicht gutwillig kommst, brauche ich Gewalt". "Hat dir dein König das befohlen?" fragte der Morholt. "Nein, das gerade nicht", sagte der Ritter, "aber es gefällt mir so". "Wirklich!" sagte der Morholt, "mir aber paßt es nicht". Dann forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus.

Beide entfernten sich ein wenig, ergriffen ihre Lanzen und stürmten aufeinander los. Der Ritter fiel zu Boden. Indem er weiter ritt, sagte der Morholt: "Nun reite zurück, du siehst, daß du nicht einer bist, der mich zwingen kann umzukehren". König Pellinor, der den Vorfall von weitem mit angesehen hatte, freute sich, daß der fremde Ritter sich so brav gehalten. "Nun laßt (45) ihn ziehen", sagte er, "ich möchte wohl wissen wer er ist". Damit befahl er seinem Sohn[41] unbewaffnet dem Ritter zu folgen, ihn zu fragen wie er hieße, ob er zur Tafelrunde gehörte, und ihn zu bitten zurückzukehren. Des Königs Sohn führte den Auftrag seines Vaters gewissenhaft aus. Als der König hörte, wer der fremde Ritter war, sagte er: "Den Morholt kenne ich als einen sehr tapferen Ritter". Ohne ein der Erzählung wertes Abenteuer zu finden, setzte der Morholt seinen Ritt den ganzen Tag fort.

Am dritten Tage, als die Sonne hell schien, kam der Morholt in den Bois du Plessis. Die Blumen dufteten, die Vögel sangen lieblich, so daß der Morholt seine Lust daran fand. Da hörte er plötzlich einen Hilferuf. Er hielt an und horchte. Bald hörte er deutlich eine Frauenstimme um Hilfe schreien, und seine Begleiterin auch. "Ich muß sehen", sagte er, "wer meiner bedarf, folge mir langsam". Damit gab er seinem Pferde die Sporen und kam bald in ein Tal zu einem großen Feuer, um das viele herumstanden.

Als er sich ohne zu grüßen näherte, gewahrte er eine Dame, ihrer Kleidung bis auf das Hemde beraubt, und einen Zwerg mit auf den Rücken gebundenen Händen. Die Dame war schön, nicht älter als dreißig Jahre, und augenscheinlich von hoher Geburt. Sie weinte. Vier Knechte gingen sehr unsanft mit ihr um; (46) sechs bewaffnete Ritter befahlen ihnen, den Zwerg und die Dame in die Flammen zu werfen. Der Morholt empfand Mitleid mit den beiden unglücklichen Gefangenen und rief mit lauter Stimme: "Laßt die Dame frei, tut ihr kein Leid, bis ich weiß, weshalb ihr sie verbrennen wollt". "Was willst du?" fragte ein Ritter den Morholt. "Ich will wissen, was die Dame verbrochen hat, um eine so große Strafe zu verdienen", erwiderte dieser. "Sie hat ihr Schicksal mit Recht verdient", sagte der Ritter, "denn sie hat ihren König und Gemahl mit jenem elenden Zwerge hintergangen; darum soll sie sterben". "Er lügt, der Treulose", sagte die Dame, "ich würde mir eher haben die Haut abziehen lassen als das Verbrechen zu begehen, dessen sie mich anklagen. Aber Gott, der mich kennt, wird sie bestrafen!" "Herr Ritter", sagte der Zwerg zum Morholt, "habt Mitleid mit meiner Dame und rettet sie, denn sie ist unschuldig". "Schwöre bei deiner Seele", sagte der Morholt, "daß du die Wahrheit sprichst!" "So wahr Gott meiner Seele gnädig ist", erklärte der Zwerg, "meine Dame ist unschuldig". "Dann soll ihr, so lange ich sie verteidigen kann, keiner ein Haar krümmen", sagte der Morholt; "wer aber trotz meiner Warnung Hand an sie legt, der soll es bereuen, denn ich bin gewillt, sie mit aller meiner Macht zu verteidigen". Hierauf forderte der Ritter den Morholt zum Kampfe heraus, und der Morholt ihn.

Beide Gegner ritten aufeinander los; der Morholt, der zornig war, durchbohrte mit seiner Lanze des Ritters Schild und seinen Körper, so daß er zu Boden fiel. Beim Fallen brach die Lanze. Nun fielen die Gefährten des Gefallenen über den Morholt her, der aber fürchtete sich nicht, sondern ritt ihnen mutig entgegen. Nachdem er noch zwei von ihnen aus den Sätteln gehoben hatte, entflohen die andern in den Wald. Er verfolgte sie nicht, sondern wandte sich zu der Dame. Als er abgestiegen war, kniete die Dame vor ihm, dankte ihm für ihr Leben und bat ihn, ihr seinen Namen zu sagen. Als der Morholt den Zwerg von seinen Fesseln befreit hatte, fragte er die Königin, was er für sie tun könnte. Sie bat ihn, sie nach einer Abtei zu geleiten, die ihre Vorfahren gegründet hatten. Mittlerweile waren die Jungfrau und der Knappe herangekommen. Der Morholt gebot dem Knappen abzusteigen und die Königin auf sein Pferd zu setzen. Dann setzte sich der Zug nach der Abtei in Bewegung. Unterwegs fragte der Morholt den Zwerg, weshalb die Ritter die Dame so grausam töten wollten. "Der Ritter, der zuerst zu dir sprach", erzählte der Zwerg, "liebte die Königin lange, wagte aber nicht, ihr seine Liebe zu bekennen; eines Tages aber war er töricht genug, sich zu einem Geständnis hinreißen zu lassen. Die Königin war entrüstet und drohte ihn zu vernichten, falls er noch einmal von Liebe zu ihr zu sprechen wagte. Dann sann der Ritter auf Rache. Gestern früh, als der König zur Kirche gegangen war, schlief die Königin noch. Da glaubte der Verräter seine Gelegenheit gefunden zu haben. Er ergriff mich im tiefen Schlafe (48) und legte mich leise zu der Königin ins Bett. Keiner von uns beiden erwachte. Dann ließ er den König holen und führte ihn an das Bett der Königin. Der König war überrascht und traurig. Er war von zu edler Gesinnung, um uns Schlafende zu töten, aber er befahl, daß man uns in den Wald führen und verbrennen sollte; er selber wollte nichts davon sehen. Jener Befehl wäre ausgeführt worden, hättest du uns nicht gerettet."