In der Abtei empfingen die Schwestern ihre Königin und Dame mit allen Zeichen der Ehrfurcht und Entrüstung über ihren Zustand. Die Königin erzählte ihnen was geschehen und zeigte ihnen den Morholt, ihren Retter. Alle dankten dem Morholt auf den Knien für seine edle Tat; er wurde die Nacht samt seiner Jungfrau und dem Knappen aufs beste in der Abtei bewirtet, und man konnte ihn nicht genug ehren. Am andern Morgen ritt der Morholt mit seinen Begleitern weiter durch einen dichten Wald. Gegen Abend kamen sie an einen Platz, von dem vier Wege nach verschiedenen Richtungen ausgingen. Auf dem Platze stand ein großes, altes Kreuz und unmittelbar davor lag ein großer Stein von poliertem Marmor, der aussah als ob er erst eben poliert worden wäre. Die Jungfrau stieg ab und forderte den Morholt auf, ein gleiches zu tun, denn sie wollte ihm eine Inschrift auf dem Steine zeigen. "Wenn du lesen kannst", sagte sie zum Morholt, "sage mir was hier geschrieben steht". Um besser sehen zu können, nahm der Morholt seinen Helm ab, las die Inschrift und wiederholte dann der Jungfrau, was er gelesen, nämlich: __Auf diesem Stein sind viele (49) Wunder des heiligen Graals zu sehen. Wer aber hier bleibt, um dieselben zu sehen, wird sterben oder gelähmt oder verwundet werden, bis zur Ankunft des guten Ritters,[42] der die Graal-Abenteuer bestehen wird.__ "Von dem Stein habe ich oft reden hören", erklärte die Jungfrau, "man nennt ihn Le Perron du Cerf, warum aber weiß ich nicht; was beabsichtigst du zu tun?" "Was kann ich anders tun als hier bleiben", entgegnete er, "bis ich einige der Graalabenteuer, die so wunderbar sein sollen, gesehen habe? Und was gedenkst du zu tun?" "Wenn du hier bleibst", sagte sie, "muß ich auch hier bleiben, denn ich weiß nicht, wohin ich gehen kann, und ich kenne kein Quartier, welches ich noch bei Tage erreichen könnte". "Das Hierbleiben rate ich dir nicht", sagte er, "denn du hast noch nicht gegessen". "Ich kann bis morgen warten", beruhigte ihn die Jungfrau, "denn die Nächte sind ja jetzt kurz".

So blieben denn die drei bei dem Perron du Cerf und setzten sich unter zwei Ulmen nieder, die nahe dabei standen. Als die Nacht hereingebrochen war, ging der Mond auf und schien so schön und hell, daß sie alles was vorging sehen konnten. Nachdem sie eine Weile gesessen hatten, kamen aus verschiedenen Richtungen zwei Ritter vor dem Stein an. Ohne ein Wort zu wechseln, lehnten sie ihre Lanzen gegen das Kreuz, zogen ihre Schwerter und begannen einen langen und blutigen Kampf. Als sie länger gefochten als man es für möglich halten konnte, nahmen sie ihre Helme ab, küßten sich und gingen dann wieder jeder in derselben Richtung fort, aus der er gekommen war. Der Morholt bekreuzte sich, denn die schnelle Versöhnung nach so erbittertem Kampf war ihm unerklärlich; die Jungfrau wunderte sich mehr über das Schweigen der beiden Ritter. (50) Der Morholt bedauerte, daß er die Ritter nicht um eine Erklärung gefragt hatte. In diesem Augenblick kam ein Hirsch auf das Kreuz los, sprang auf den Stein und legte sich nieder. Vier weiße Windhunde, die ihm folgten, fielen über ihn her, erwürgten ihn und tranken so viel von seinem Blute, daß sie sich, geschwollen als ob sie bersten wollten, neben den Hirsch niederlegten. Ein feuerspeiender Drache flog nun hernieder und verschlang die Windhunde einen nach dem andern, legte sich dann auf den Körper des Hirsches, als ob er denselben erwärmen wollte, beleckte seine Wunden und behauchte ihn überall. Dann begann der Drache sich augenscheinlich in großen Schmerzen zu drehen und zu winden und fiel von dem Stein herab. Sein Rachen öffnete sich und die vier Windhunde kamen lebendig nacheinander heraus und sprangen wieder auf den Stein. Als der Hirsch, der durch die Wärme des Drachens wieder lebendig geworden war, die Windhunde sah, entfloh er in den Wald, die Hunde verfolgten ihn mit so lautem Gebell, als ob sie zehn anstatt vier gewesen wären. Der Drache flog in den Wald zurück.

Als die Tiere alle verschwunden waren, bekreuzte sich der Morholt, denn er wußte nicht, ob er behext oder berauscht war, oder ob er geträumt hatte. Die Jungfrau hatte niemals etwas Wunderbareres gesehen und war der Meinung, daß der Hirsch derjenige wäre, nach welchem der Stein benannt war. Da sie nichts weiter zu sehen zu bekommen glaubten, streckten sich alle drei auf dem Grase aus und waren bald eingeschlafen, denn sie waren müde und erschöpft. (51)

Bald darauf stieß die Jungfrau einen Schmerzensschrei aus und sagte zum Morholt: "Ich bin tödlich verwundet, und zwar während ich unter deiner Beschützung stehe, doch bin ich selber daran schuld". Der Morholt hatte keine Idee, wie es um die Jungfrau stand, und sagte ihr, daß er auch verwundet wäre, aber nicht wüßte durch wen. Mit großer Anstrengung richtete er sich empor und rief seinem Knappen zu, aufzustehen. Dieser antwortete mit schwacher Stimme: "Herr, ich liege im Sterben, ich glaube nicht, daß ich noch die Sonne werde aufgehen sehen; wenn ihr hier in der Nähe einen Priester wißt, holt ihn; ich weiß nicht, wer mich verwundet hat". Als der Morholt die Jungfrau nach ihrem Befinden fragte, erhielt er keine Antwort. Er legte ihr seine Hand aufs Herz, um zu fühlen ob es noch schlüge; er fand, daß sie tot und über und über mit Blut bedeckt war. Kurz nachher gab auch der Knappe seinen Geist auf.

Der Morholt war außer sich vor Schmerz, Schrecken und Erstaunen, er konnte für den plötzlichen Tod seiner beiden Begleiter ebenso wenig wie für seine eigne Verwundung eine Erklärung finden. Nur eins war ihm klar, jeden, dem er sein Abenteuer erzählen würde, würde ihn für einen Lügner halten, und er selbst würde das Geschehene für eine Fabel halten, wenn er nicht auch verwundet wäre. In solchen Betrachtungen erwartete er den Anbruch des Tages. (52) Bald nach Sonnenaufgang kam ein Ritter auf einem großen Rosse an dem Stein vorbei, und ein Zwerg ritt ihm nach und trug einen Schild und Speer. Der Morholt rief den Ritter an und bat ihn um Hilfe, nachdem er ihm sein Abenteuer erzählt hatte. Der Ritter wußte die Ereignisse der Nacht nicht anders zu erklären, als daß sie Graalabenteuer wären, und sagte, der Morholt könnte froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Der Morholt bat den Ritter, ihn auf sein Pferd zu setzen und den Körper der Jungfrau vor ihm auf den Sattel zu legen, damit er denselben zur Bestattung nach einer Abtei oder einem Kloster tragen könnte. Der Ritter selber sollte mit dem Körper des Knappen ein gleiches tun. Der Zwerg fand des Morholt Pferd in der Nähe des Steines grasend und führte es herbei. Mit Hilfe seines Herrn erfüllte er den Wunsch des Morholt, und nahm selber den Knappen vor sich auf sein eignes Pferd. Dann verließen alle drei den Perron du Cerf. Der Ritter prüfte die Wunde des Morholt und fand, daß sie durch eine Lanze verursacht war. Der Morholt empfand beim Reiten große Schmerzen, er hatte viel Blut verloren und seine Wunde blutete noch, so daß man seiner Spur mit Hilfe der auf den Boden gefallenen Blutstropfen hätte folgen können.

Als alle drei mit den beiden Toten etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, fragte der Ritter den Morholt nach seinem Namen. Als dieser sich nannte, rief der Ritter aus: (53) "Bist du wirklich der Morholt, der meinen Vater 'le duc de laval' getötet hat, den ich schon so lange vergeblich gesucht habe? Es ist meine Pflicht als Sohn, meinen Vater zu rächen." Damit gab er seinem Pferde die Sporen und durchbohrte die linke Schulter des Morholt, so daß derselbe vom Pferde stürzte. Beim Fallen brach der Lanzenstiel. In seinem Haß ließ der Ritter dann sein Pferd dem unglücklichen Morholt einigemal über den Körper laufen. Schließlich befahl er dem Zwerg, den toten Knappen niederzulegen; in dem Glauben, seines Vaters Tod gerächt zu haben, setzte der Ritter seinen Weg fort.

So traf den Morholt das Unglück Schlag auf Schlag. Er lag regungslos wie tot auf der Straße. Um Mittag fügte es Gott, daß Gawain des Weges kam. Er hatte an demselben Tage zwei Ritter besiegt, die ihn angegriffen hatten, weil er ihren Vetter getötet hatte. Er hatte sie verpflichtet, zu Arcaden, der Frau des Pellias, zu gehen und sich ihr in seinem Namen zu ergeben. Diese beiden Ritter begleiteten Gawain noch. Als Gawain und seine Begleiter den Morholt, die Jungfrau und den Knappen auf der Straße liegen sahen, glaubten sie nicht anders, als daß alle drei tot waren. Die beiden Ritter sahen bald, dass die Jungfrau und der Knappe leblos waren. Gawain prüfte den Morholt, den er aber nicht erkannte, weil sein Gesicht von Staub und Blut unkenntlich gemacht war. Er fand die Lanzenspitze in der linken Schulter und die Wunde im Unterleibe, aber er erkannte auch durch Befühlen des Gesichtes, (54) daß noch Leben in dem Körper vorhanden und daß deshalb eine Heilung immer noch möglich war. Während Gawain sich noch mit ihm beschäftigte, öffnete der Morholt die Augen und blickte ihn an, so gut er konnte. Gawain bettete des Verwundeten Haupt auf seinen Knien, schnitt ein Stück seines eigenen Hemdes ab, und begann ihm damit die Augen zu reinigen. Der Morholt fing an zu seufzen und zu stöhnen. Gawain bemühte sich vergeblich seinen Namen von ihm zu erfahren, er war noch unfähig zu reden. "Er muß ein guter Ritter sein, sonst wäre er nach solchem Blutverluste, wie ihn diese beiden Wunden verursacht haben, nicht mehr am Leben", sagte sich Gawain; dann fragte er noch einmal nach seinem Namen. Jetzt antwortete der Morholt leise, nannte sich und sagte, seine Begleiter habe er durch Graalabenteuer verloren. Als Gawain seinen Waffengefährten erkannte, war er sehr traurig, warf seinen Helm weg und küßte ihn, so mit Blut bedeckt als er war. Dann beklagte er des Morholt trauriges Geschick. Als der Morholt das hörte, fragte er Gawain, wer er war.

Als Gawain seinen Namen nannte, fiel der Morholt vor Freude von neuem in Ohnmacht; er kam jedoch bald wieder zu sich und sagte: "Willkommen, Gawain, ich glaubte nicht, dich noch einmal zu sehen. Um Gottes willen, schaff mich so schnell als möglich nach einer Abtei oder einem Kloster, damit ich meine Sünden bekennen kann, denn ich fürchte, mein Ende naht." Gawain fragte die Ritter, ob ihnen nicht in der Nähe ein Haus oder Schloß bekannt wäre, wohin er den Verwundeten tragen könnte. Einer von ihnen antwortete, daß er nicht weit von dort eine Feste besäße, wo der Verwundete bereitwillige Aufnahme finden würde. Gawain ließ die beiden Ritter aus Baumstämmen eine Bahre machen. Er selbst entledigte den Morholt seiner Waffen, zog die Lanzenspitze aus seiner Schulter und verband seine Wunden. (55) Dann ließ er ihn, die Jungfrau und den Knappen auf ein Lager von weichem Gras auf die Tragbahre legen und diese durch zwei Pferde nach dem Schlosse tragen. Daselbst nahm Gawain den Morholt in seine Arme und trug ihn in das für ihn vorbereitete Zimmer und legte ihn auf ein Bett. Die Mutter der beiden Ritter, die viel von der Heilkunde verstand, prüfte die Wunden des Morholt und erklärte, er werde in einem Monat wiederhergestellt sein. Dem Wunsche des Morholt gemäß, ließ Gawain die Jungfrau und den Knappen in einer benachbarten Abtei begraben und auf ihren Grabstein einmeißeln, auf welche wunderbare Weise beide ums Leben gekommen waren.

Viele kamen von nah und fern, um das Grab zu sehen. Weil man aber das Abenteuer am Perron du Cerf für ein sehr großes Wunder hielt, ließ man neben demselben steinerne Standbilder der Jungfrau und des Knappen errichten, die mit den Händen nach dem Stein deuteten, als ob sie denselben verfluchen wollten. Auf die Figur des Knappen war außerdem noch eine Inschrift eingemeißelt worden, deren Inhalt die Erzählung angeben wird, wenn von den Taten Gaheriets[43] die Rede sein wird, als ihn seine Abenteuer zur Isle Merlin[44] führten. Hier aber mögen schon alle Leser wissen, daß Gaheriet, der Bruder Gawains, einer der besten Ritter der Tafelrunde war, und daß er, während er in Großbritannien herumzog, viele Abenteuer bestand; er sprach aber nie von dem, was er vollbracht hatte, wenn er nicht mußte. Das wird im Brait[45] erzählt; als er Ritter wurde, (56) schwor er bei den Heiligen, daß er nie eine brave Tat, die er ausgeführt, freiwillig erwähnen würde. Als er den Hof verließ, wurde er der Gefährte des Baudemagus und tat ein Gelübde, zehn Jahre lang Abenteuer zu suchen, ehe er wieder an den Hof zurückkehrte. Dieses Gelübde hielt er treulich. Als er nach zehn Jahren zurückkehrte, hob er in der Ebene bei Camelot seinen Onkel Artus selber, Agravain, Keux den Seneschall und Gawain aus den Sätteln und wurde Gefährte der Tafelrunde. Seine Abenteuer wurden dann aufgezeichnet. __Doch hier schweigt die Erzählung von Gaheriet, um aber, was zu diesem Buche gehört, der Wahrheit gemäß zu erzählen, wenn der richtige Ort und die richtige Zeit kommen werden.__

Gawain leistete dem Morholt zwei Monate lang Gesellschaft, denn er liebte ihn sehr. Als der Morholt wieder hergestellt war, fragte er Gawain eines Tages nach seiner Jungfrau und seinem Knappen. Gawain erzählte ihm, was die Geschichte schon vorher erzählt hat, und erwähnte auch, daß beide gern zu ihm zurückkehren wollten, daß er sie aber nicht wieder angenommen hätte. Der Morholt billigte Gawains Handlungsweise und fragte ihn dann auch nach Ywain. Von seinem Vetter wußte Gawain nichts zu erzählen, die Dame des Hauses aber, die den Namen Ywains gehört hatte, erklärte, daß Ywain, der Sohn des Königs Urien, kurz vor ihrer beider Ankunft, zwei Tage ihr Gast gewesen wäre, nachdem er das Land von einem Riesen befreit hätte, dessen Kopf noch in jener Kapelle da (auf die sie mit dem Finger weist) zu sehen wäre, wo ihn das Volk in seiner großen Freude über den Tod seines Eigentümers aufgehängt hätte. Der Morholt und Gawain waren hocherfreut über Ywains Erfolg (57) und sprachen die Hoffnung aus, ihn bald wiederzusehen.