An einem Montag früh verließen die beiden Gefährten das Schloß. Sie ritten den ganzen Tag ohne Abenteuer zu finden. Am folgenden Tage kamen sie auf eine grüne Ebene, auf der sie, am Rande einer Quelle, zwei Pavillons sahen. Da es, wie es um die Mitte des Monats August oft der Fall ist, sehr heiß war, schlug der Morholt vor, daß sie sich in einem der Pavillons ausruhten. Gawain war damit einverstanden.
Nachdem sie ihren Pferden Sättel und Zaumzeug abgenommen hatten, ließen sie dieselben grasen und traten in die Pavillons ein. Sie fanden niemanden darin; in jedem aber stand ein prächtiges Bett mit rotem Sammt bedeckt. Sie legten ihre Waffen ab und streckten sich auf eines der Betten aus; und da sie sehr müde waren, schliefen sie bald ein. Dann trat eine alte Dame in den Pavillon ein und weckte sie. Als sie erwachten, fragten sie die Alte, was ihr gefällig wäre. Sie antwortete: "Eure Gegenwart; sagt mir wer ihr seid und woher ihr kommt". Als der Morholt ihr gesagt hatte, daß er selber aus Irland, sein Gefährte aber aus Logres käme, sagte die Alte: "Ich kenne euch wohl, du bist der Morholt und dein Gefährte ist Gawain." "Du kennst uns besser als ich dachte," erklärte der Morholt. Darauf wandte sich die Alte an Gawain und fragte ihn, wie sie ihm gefiele. (58) "Ich habe schon ältere Damen gesehen als dich," sagte Gawain. "Alt wie ich bin", nahm die Alte wieder das Wort, "habe ich doch noch ein junges, lebenslustiges Herz, und deshalb will ich dich, wenn es dir recht ist, zu meinem Freunde machen; meine Liebe wird dir zu größerer Ehre gereichen als die mancher jüngeren Dame". Gawain sah die Sprecherin an und es schien ihm, daß sie mehr als hundert Jahre alt war. Als er nicht sogleich antwortete, wiederholte die Alte ihre Frage. Gawain fühlte sich durch ihre Zumutung beleidigt und sagte: "Du solltest nicht mehr an Liebe denken, denn dein Alter verbietet dir das. Du spottest entweder meiner oder du denkst nicht an dich selber." "Du weigerst dich also?" fragte die Alte. "Wahrlich", erklärte Gawain, "ich wollte lieber nie in meinem Leben lieben, als dir mein Herz zuwenden". "Das genügt mir," sagte die Alte und richtete nun an den Morholt dieselbe Frage wie vorher an Gawain, "Ich liebe eine schöne junge Dame", antwortete der Morholt, "du bist alt und häßlich, darum kann ich jene nicht um deinetwillen im Stich lassen". "Ihr habt mich beide verachtet", sagte die Alte, "ihr werdet es bereuen, dafür aber, daß ihr euch über mich lustig gemacht habt, werde ich mich sehr bald an euch rächen".
Damit verließ sie die beiden Gefährten, die einander neckten. Bald darauf setzten auch sie, auf des Morholt Vorschlag, ihren Ritt fort. Sie waren noch nicht lange geritten, da verwandelte sich die Liebe, die sie bisher zueinander gehegt hatten, in tötlichen Haß. "Wie kannst du dich erkühnen", fragte der Morholt Gawain, "an meiner Seite zu reiten, weißt du nicht wie ich dich hasse?" (59) "Ich hasse dich mehr als irgend einen Menschen," entgegnete Gawain. Damit forderte der eine den andern zum Kampfe heraus. Sie fielen mit unglaublicher Bitterkeit über einander her. Nachdem sie mit den Lanzen einer den andern vom Pferde gestoßen hatten, zogen sie ihre Schwerter und kämpften zu Fuß, bis beide das dringende Bedürfnis, sich auszuruhen, fühlten.
Wäre nicht zufällig die Cousine der Damoiselle du Lac, eine Jungfrau, die von Merlin am Hofe Artus' die Zauberkunst gelernt hatte, des Weges gekommen, so hätten die beiden Gefährten einander ohne Zweifel getötet, denn sie waren bezaubert. Diese Jungfrau war auf dem Wege zu König Artus mit einer Botschaft ihrer Dame, der Damoiselle du Lac, als sie die beiden Gefährten gegeneinander kämpfend fand. Sie erkannte beide und wunderte sich, was geschehen war, denn von Ywain, den sie an demselben Tage getroffen hatte, wußte sie, daß beide Waffengefährten waren. Sie redete Gawain an und fragte ihn, weshalb sie einander so haßten. "Ich weiß es nicht", antwortete er, "aber ich hasse ihn mehr als irgend einen Menschen, und es wird nie Frieden zwischen uns geben, bis einer von uns tot ist". "Das ist sonderbar", sagte die Jungfrau, "ihr haßt einander und wißt nicht warum". Zu sich selber aber sagte sie: "Die beiden sind bezaubert, es wäre schade, wenn sie einander töteten". (60)
Damit versuchte sie durch ein Gegenmittel den Zauber zu lösen. Es gelang ihr; beide Ritter blickten einander verwundert an, als ihr Gedächtnis zurückkehrte; sie warfen ihre Schwerter auf den Boden und fragten einander: "Weshalb haben wir uns geschlagen? Wir müssen bezaubert gewesen sein! Wahrlich wir hätten einander getötet." "Sicherlich", sagte der Morholt, "das kann nur durch Zauber geschehen sein, denn wir haben ohne Ursache gekämpft. Ich hoffe, ich habe dich nicht gefährlich verwundet." "Hätten wir den Kampf fortgesetzt", sagte Gawain, "so wäre es um uns geschehen gewesen, denn wir hatten schon Blut genug verloren". "Ihr waret beide bezaubert", fiel jetzt die Jungfrau ein, "und hättet einander getötet, hätte Gott nicht gefügt, daß ich euch zur rechten Zeit fand". "Jungfrau", sagten sie, "gesegnet sei die Stunde, in welcher du hierher kamst, gesegnet sei Gott, der dich hierher führte, und gesegnet sei derjenige, der dich die Zauberkunst lehrte". "Wißt ihr, wer euch bezaubert hat?" fragte die Jungfrau. Als sie beide antworteten, daß sie keinen Feind zu haben glaubten, der ihnen in seinem Haß solches Unrecht zufügen könnte, erklärte die Jungfrau: "Ich werde es euch sagen. Eine Dame, die ihr für alt hieltet, die aber noch jung und sehr schön ist, fragte jeden von euch um seine Liebe. Ihr verweigertet sie ihr. Sie versteht viel von der Zauberkunst. Um sich an euch zu rächen, erfüllte sie eure Herzen mit tötlichem Haß, in der Hoffnung, daß ihr einander töten würdet. Das wäre ihr ohne Zweifel gelungen, wäre ich nicht zur rechten Zeit gekommen." "Du hast recht", sagten die beiden Gefährten, steckten ihre Schwerter in die Scheide und bestiegen, müde und erschöpft wie sie waren, ihre Pferde. (61) "Weißt du hier in der Nähe ein Nachtquartier?" fragte Gawain die Jungfrau. "Nicht weit von hier wohnen weiße Mönche, die euch aufnehmen würden", antwortete die Jungfrau; "wenn ihr zu ihnen gehen wollt, will ich euch zu Liebe auch dort absteigen".
In der Abtei fanden die schwerverwundeten Gefährten und die Jungfrau freundliche Aufnahme. Während die Jungfrau aber schon am nächsten Morgen in aller Frühe ihren Ritt nach Camelot fortsetzte, waren die beiden Gefährten genötigt, eine ganze Woche die Gäste der Mönche zu bleiben, bevor sie wieder so weit hergestellt waren, daß sie auf die Suche nach Abenteuern gehen konnten.
Nachdem Gawain und der Morholt die Abtei verlassen hatten, kamen sie eines Tages in eine schöne Gegend. An der Seite des Weges gewahrten sie einen Felsen, der so hoch war als sie zu sehen vermochten, nirgends aber war ein Aufstieg, weder Treppe noch Pfad zu sehen; ebenso wenig konnten sie erkennen, ob ein Haus oben auf dem Felsen war. Der Felsen war so steil und glatt, daß ein Eichhörnchen nicht imstande gewesen wäre, an demselben emporzuklettern. (62) Während die beiden Gefährten noch den Felsen bewunderten, sahen sie auf demselben zwölf[46] schöne wohlgekleidete Jungfrauen, die bald so laut miteinander zu reden anfingen, daß man unten ihre Worte verstehen konnte. Sie sprachen nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft, als ob sie weise Seherinnen wären, deren Aufgabe es war, die Zukunft zu ergründen. Gawain und der Morholt versuchten die Gegenwart der Jungfrauen auf dem Felsen zu erklären, wie sie hinaufgekommen, wie sie, ohne fliegen zu können, herunterkommen könnten, wovon sie lebten, woher sie ihre Nahrung bekämen. Da sagte plötzlich der Morholt, nach dem er lange nachgedacht: "Jetzt weiß ich, wer die Jungfrauen sind und wer sie hierher gebracht hat. Es sind ihrer zwölf und alle sind Schwestern. Die älteste verstand sich wohl auf die Zauberkunst. Sie hatte einen Streit mit Merlin, und da dieser ihr oft schadete und ihre Pläne durchkreuzte, wollte sie ihn töten. Da beschloß Merlin, der doch noch klüger war als die Jungfrau, sich an ihr zu rächen. Er versetzte sie und ihre Schwestern auf diesen öden Felsen, in dem Glauben, daß sie dort kläglich umkommen würden. Er hatte sich aber geirrt, was er erwartet hatte, geschah nicht, denn die älteste der Schwestern war eine zu gute Zauberin; ja man sagt, wenn es auf der ganzen Welt nur ein Brot gäbe und wenn dieses hundert Tagereisen von ihr entfernt zu finden wäre, so könnte sie es innerhalb einer Stunde herbeizaubern." Gawain bekreuzte sich. "Das ist noch nicht alles", fuhr der Morholt fort, "sieh, wie sie beraten, als ob es sich um etwas sehr wichtiges handelte; jetzt sprechen sie von der Zukunft". "Woher weißt du denn das?" fragte Gawain, "ich glaubte immer, daß niemand außer Merlin von der Zukunft etwas wüßte". (63) "Ich weiß es", entgegnete der Morholt, "von einigen Rittern, die hier waren; denen sagten diese Jungfrauen Dinge voraus, die später wirklich geschahen. Wenn wir ein Weilchen hier bleiben, werden auch wir etwas auf uns Bezügliches hören. Laß uns horchen, was sie sagen." Als die beiden Gefährten aufmerksam lauschten, hörten sie eine der Jungfrauen, die älteste, die Zauberin, fragen: "Und was denkst du von den beiden Rittern, die da unten horchen?" __"Von Gawain sage ich"__, erwiderte diese, __"daß der Fremdling,[47] den er am meisten lieben wird, ihm die Todeswunde beibringen wird, und daran wird sein eigener Stolz schuld sein. Darauf werden viele Ritter fallen; der Ruhm der Tafelrunde wird verschwinden, denn der Vater derselben wird durch die Hand des eigenen Sohnes sterben; Logres, nachdem es seinen guten Vater verloren hat, wird nie wieder zu so großer Ehre und Macht kommen, wie es jetzt besitzt. Dann werden die beiden Söhne des Drachens zu fliegen anfangen, und den größten Teil des Landes unter ihre Flügel nehmen. Darauf wird der Leopard kommen und die jungen Drachen töten und verschlingen; dann aber wird sich der Leopard in eine Felsenhöhle zurückziehen und niemand wird wieder von ihm hören. Von jener Zeit an werden die schlechten Erben schlimmer und schlimmer werden, so daß Großbritannien, das Gott so hoch erhoben hat, mit Tränen der braven Ritter gedenken wird, die jetzt leben. Zu jener Zeit werden ritterlicher Mut und Tapferkeit nicht mehr hier zu finden sein."__ Dann schwieg die Zauberin, die anderen neigten die Köpfe und begannen von anderen Dingen zu reden.
"Glaubst du nun, was ich sagte, Gawain?" fragte der Morholt. "Ja", entgegnete Gawain, "wenn wir recht weise wären und jene Dame hätte weniger dunkel gesprochen, so hätten wir von Artus' Tod und dem Niedergange von Logres gehört, denn davon hat sie so trefflich gesprochen, daß niemand an ihrer Rede etwas tadeln kann. Es mag schon so kommen, wie sie gesagt hat. Ich habe auch gehört, was sie über meinen Tod prophezeit hat." "Sie hat auch gesagt", sagte der Morholt, "daß dein eigener Stolz die Ursache deines Todes sein wird". "Ich habe es gehört", sagte Gawain, "möge Gott geben, daß es mir besser ergehen wird als sie sagt. Aber über dich, Morholt, hat sie gar nichts gesagt." "Noch nicht", meinte der Morholt, "darum müssen wir warten bis sie von mir sprechen wird, denn ohne über meinen Tod zu hören gehe ich nicht weg von hier". (64) Traurig und nachdenklich willigte Gawain ein. Der Morholt rief mit lauter Stimme zum Felsen hinauf: "Erinnert euch meiner, sagt mir etwas über mein Ende". Die Jungfrauen sprachen eifrig miteinander und taten als ob sie nicht hörten. Da wurde der Morholt ungeduldig und rief noch einmal. Nun sprach die Älteste: "Du ungeduldiger Ritter, wenn du auch hörst was du hören willst, du kannst an deinem Schicksal nichts ändern". "Dennoch möchte ich es wissen," bat der Morholt. "Nun wohl, da du so begierig bist es zu erfahren, will ich es dir sagen", erklärte die Zauberin: __"Du[48] wirst in einem Kampfe für eine ungerechte Sache erschlagen werden, denn du wirst verlangen was zu verlangen du kein Recht hast; du wirst sterben durch die Hand des schönsten, leutseligsten und höflichsten Ritters seines Landes, der treu sein ganzes Leben lang lieben wird. Während du durch die Waffen enden wirst, wird Liebe sein Ende herbeiführen.__ Das ist alles was ich dir zu sagen weiß." Damit wollte die Zauberin sich zurückziehen, aber der Morholt bat sie, ihm noch einige Fragen zu beantworten. "Könnten wir nicht zu euch hinaufkommen", fragte er, "um zu sehen, wie ihr dort oben lebt?" "Ja, gewiß", sagte die Zauberin, "kommt doch!" "Wir können es nicht tun ohne eure Hilfe," meinte der Morholt. "Und wenn ihr es könntet, was wolltet ihr hier oben tun?" fragte die Zauberin. "Euch Gesellschaft leisten und belustigen wie andere Ritter mit andern Damen tun," erklärte der Morholt. "Wenn ihr wirklich hier hinauf kämet, würdet ihr sobald nicht wieder hinunterkommen," bemerkte die Zauberin. "Um so besser", sagte der Morholt, "denn wir würden viel lieber mit euch ein lustiges Leben führen, als das Land nach Abenteuern durchstreifen". "Hier würdet ihr allerdings nichts als Freude und Vergnügen haben," sagte die Zauberin.
Dann wendete sich die Zauberin plötzlich an Gawain mit der Frage: "Gawain, wenn wir bereit wären, euch heute Nacht heraufkommen zu lassen, würdet ihr gern eine Zeitlang hier bleiben, wo ihr alles haben würdet, was euer Herz begehren könnte?" "Ich habe keinen heißeren Wunsch als bei euch zu sein", antwortete Gawain, "denn bei euch, glaube ich, sind alle irdischen Freuden zu finden". (65) "Dann sollt ihr morgen früh euren Wunsch erfüllt sehen", sagte die Zauberin; "bleibt die Nacht hier, legt eure Waffen ab; laßt eure Pferde laufen wohin sie wollen. Wenn ihr Lust habt, schlaft." Gawain und der Morholt taten was sie ihnen gesagt hatte. Als die Nacht gekommen, schliefen sie unter einer großen Ulme in der Nähe des Felsens ein.
Als sie am andern Morgen die Augen öffneten, waren Gawain und der Morholt oben auf dem Felsen bei den zwölf Jungfrauen, von wo sie die ganze Umgegend auf zwei Tagereisen weit übersehen konnten. Die älteste der Jungfrauen bewillkommnete beide, fragte sie, wie es ihnen gefiele, und erklärte, daß es nun, da sie zwei Ritter hätten, noch viel angenehmer auf dem Felsen sein würde. Dann zeigte sie den beiden das Haus. Durch eine eiserne Tür traten sie zunächst in ein schönes Zimmer und von diesem führte eine Tür in einen herrlichen großen Saal, von dem man durch zwölf Türen in die Gemächer der zwölf Jungfrauen gelangen konnte. Auf Gawains Frage, ob außer den zwölf Jungfrauen noch andere auf dem Felsen wohnten, erhielt er die Antwort: "Nein, aber während ihr unsere Gäste zu sein belieben werdet, wird unser Hausstand um zwei Diener und zwei Dienerinnen vermehrt werden, die euch bedienen sollen". Die beiden Gefährten dankten.