"Mein Verlust hat mich sehr geschmerzt; noch größere Schmerzen aber verursachte mir die Unmöglichkeit, mich an dem zu rächen, der mir die Geliebte geraubt hat. Da ich seiner nicht habhaft werden kann, um ihn zu töten, beschloß ich, mich an allen seinen Gefährten zu rächen, wenn ich sie besiegen könnte." "Nun", sagte Ywain, "bist du selbst der Besiegte und ich befehle dir, von nun an Gawain als deinen Herrn zu ehren und ihm zu dienen". Als der Ritter geschworen hatte, das zu tun, fragte ihn Ywain, wo denn Gawain wäre. "Dort auf jenem Felsen wohnt er und der Morholt mit den zwölf Schwestern, deren älteste meine Geliebte war; sie leben da oben lustig und in Freuden, und niemand kann zu ihnen gelangen (78) ohne die Erlaubnis und Hilfe derjenigen, die jetzt Gawains Geliebte ist, denn auf den Felsen führt weder ein Weg noch eine Treppe". "Laß uns nach dem Felsen reiten," sagte Ywain.
Beide Ritter, verwundet wie sie waren, bestiegen das Pferd des Besiegten und erreichten auf demselben in kurzer Zeit den Fuß des Felsens. Auf dem Gipfel waren die zwölf Jungfrauen in eifrigem Gespräch begriffen. Der Ritter erklärte Ywain, daß die Zukunft, das Schicksal und Ende der Großen der Welt den Gegenstand ihres Gespräches bildete, und erzählte ihm alles, was der Morholt über den Felsen und seine Bewohnerinnen Gawain erzählt hatte. Als Ywain alles gehört hatte, rief er so laut er konnte zum Felsen hinauf: "Ihr Jungfrauen, wie glaubt ihr denn, daß ich sterben werde?" "Ich glaube nicht", erwiderte die Älteste lachend, "ich weiß, __daß du an demselben Tage sterben wirst, an welchem der Vater der Tafelrunde die Todeswunde empfangen wird, denn derjenige, der sie ihm geben wird, wird dir den Kopf abschlagen__.[56] Nun laß mich in Frieden, denn du hast gehört, was du zu hören wünschtest." "Wenn sie mir nur sagen möchte, wer derjenige sein wird, der mich töten soll, so könnte ich ihre Prophezeiung leicht unerfüllbar machen", (79) sagte Ywain zu seinem Begleiter und fragte ihn dann, was sie ihm prophezeit hätte. "Mir sagte sie", antwortete dieser, "daß mir an dem Tage, an dem ich meine Schwester töten würde, der schönste Ritter der Tafelrunde[57] erst das Bein und dann den Kopf abschlagen würde und daß dieser Ritter durch Liebe seinen Tod finden würde. Weiter wollte sie mir nichts sagen." "Wie kann sie das alles wissen ohne die Hilfe des Teufels"? fragte Ywain, dann rief er so laut er konnte: "Sage mir, was du von meinem Vetter Gawain weißt, denn nur um seinethalben bin ich hierhergekommen". "Was willst du von ihm? Ihn zu sehen kann dir nichts nützen; du kannst nicht zu ihm und er kann nicht zu dir kommen," antwortete die Zauberin. "Laß ihn mich nur sehen," bat Ywain. Die Zauberin führte wirklich Gawain und den Morholt herbei, so daß beide Ywain sehen konnten und Ywain sie. Ywain redete Gawain an, der aber war so bezaubert, daß er seinen Vetter nicht erkennen konnte.
Ywain war traurig und weinte; er versuchte sein Glück mit dem Morholt, der neben Gawain saß, aber auch dieser erklärte, er habe Ywain nie gesehen, wandte sich von ihm ab und sagte zu Gawain: "Hast du gehört, wie aufdringlich dieser Ritter war? Er scheint der törichteste zu sein, den ich je gesehen habe". Diese Worte hörten Ywain und sein Begleiter deutlich am Fuße des Felsens. "Deine Mühe ist umsonst", sagte der Ritter zu Ywain, "deine Gefährten kennen dich nicht, und wenn du noch hundert Jahre hier bliebest, würden sie nicht verstehen, was du von ihnen willst. Sie haben ihre Vergangenheit vergessen und müssen dort oben bleiben, so lange es den Jungfrauen gefällt; und wenn sie eines Tages wieder herunterkommen sollten, so werden sie glauben, daß sie nur einen oder zwei Tage oben gewesen sind." "Das ist schrecklich", sagte Ywain, "daß Zauberinnen so gute Ritter so ganz in ihre Gewalt bekommen können. Wenn König Artus hört, daß sein Neffe Gawain auf dem Felsen ist, wird er denselben belagern und zerstören lassen." "Das würde er nicht tun können", sagte der Ritter, "denn die Zauberin würde den Felsen sofort mit Wasser umgeben und unzugänglich machen". "Wenn sie das vermag", sagte Ywain, "dann könnte sie vielen Menschen Schaden zufügen". "Allerdings", erklärte der Ritter, "das könnte sie, wenn nicht die Furcht, Sünde zu begehen, sie zurückhielte".
Nachdem beide lange miteinander gesprochen hatten, riet der Ritter Ywain, nicht länger bei dem Feisen seine Zeit zu verlieren. (81) Beide bestiegen wieder des Ritters Pferd und erreichten bald eine maison de convers, wo man sie freundlich aufnahm. Der Ritter blieb daselbst einige Zeit, bis seine Wunden geheilt waren, Ywain aber ritt am folgenden Morgen weiter, bis ihn eines Tages der Zufall in den Wald, in die Nähe von Camelot führte, und zwar an einem Sonntag Abend zwischen Ostern und Pfingsten. Er war darauf bedacht, von keinem seiner Gefährten gesehen zu werden. Der Tag war sehr heiß und, da er sehr ermüdet war, beschloß er bei der Einsiedelei des Nascien[58] an einer Quelle zu rasten. Dort angekommen, nahm er seinem Pferde Sattel und Zaumzeug ab und ließ es grasen; er selbst, nachdem er den Einsiedler[59] um Nahrung gebeten, an der Quelle getrunken und in der Kapelle Vesper hatte singen hören, legte sich auf seinen Schild nieder, um zu schlafen. Er konnte aber lange keine Ruhe finden; erst gegen Morgen verfiel er in einen tiefen Schlaf.
An jenem Morgen hielt Artus im Walde von Camelot eine große Jagd. Als der König mit seinem Gefolge einen Hirsch verfolgte, hatte die Königin die Idee, in der Kapelle des Nascien die Messe zu hören. Nach der Messe fand sie (82) Ywains Pferd grasend und schloß aus dieser Tatsache, daß ein fremder Ritter in der Nähe ruhen müßte. Sie machte sich daher mit zweien ihrer Damen auf, um den Ritter zu suchen. Sie fand erst seine Waffen, dann ihn selber.
Ihre Begleiterinnen erkannten Ywain. Die Königin setzte sich neben ihn und ergriff seine Hand. Erschreckt und beschämt erwachte er und wollte entfliehen, die Königin aber hielt ihn zurück. Er bat sie, ihn gehen zu lassen, da der König ihn von seinem Hofe verbannt hätte. Sie versicherte Ywain,[60] daß der König, was er in einem Augenblick des Zornes getan, schon oft bereut hätte, und bereit wäre, das Unrecht wieder gut zu machen, welches er ihm zugefügt hätte. Als Ywain trotzdem bat, (83) sie möchte ihn ziehen lassen, erklärte die Königin, er könnte ihr das nicht antun und ihre Bitte abschlagen.
Ywain befand sich in schwieriger Lage, er wollte der Königin nicht wehe tun, er wollte aber auch nicht bleiben. Schließlich bat er die Königin, ihm zu versichern, daß er dem Könige wirklich willkommen sein würde. Die Königin schwor ihm, daß er Artus, nächst Gawain, der willkommenste Ritter sein würde. Gawains Name rührte Ywain zu Tränen. Auf ihren Wunsch erzählte er der Königin, was er von Gawain wußte. Die Königin tröstete ihn und bat ihn, sich keine Sorge um Gawain zu machen, denn Merlin — __den sie noch am Leben glaubte__ — würde ihn und den Morholt bald durch seinen Scharfsinn befreien. Dann versicherte sie Ywain noch einmal, daß der König oft bereut hätte, ihn verbannt zu haben.
Die Königin ließ Ywain bewaffnen und befahl ihrem weiblichen Gefolge, (84) in Bezug auf ihn unbedingtes Schweigen zu beobachten; jedem der fragen sollte, wer Ywain wäre, sollte man antworten, daß er ein fremder unbekannter fahrender Ritter wäre, den sie zum König führen wollte. Dann gab die Königin das Zeichen zum Aufbruch nach Camelot.
Die Begleiterinnen der Königin führten ihre Befehle gewissenhaft aus, so daß keiner von den sie begleitenden Rittern und am Hofe von Ywains Gegenwart eine Ahnung hatte. Im Palast angekommen, wies die Königin Ywain eines von ihren eigenen Gemächern an und ließ ihn mit allem, was er wünschen konnte, versorgen.
Am Abend, als Artus von der Jagd zurückkehrte, sagte ihm die Königin, daß Ywain im Walde gesehen worden wäre. In dem Glauben, daß Ywain in seiner Nähe gewesen wäre, ihn aber vermieden hätte, wurde der König zornig und sagte, Ywain schlüge recht nach seiner Mutter Morgain. Die Königin lächelte. Artus erkannte, daß sie ihm etwas vorenthielt und befahl ihr, wenn sie wußte, wo Ywain zu finden wäre, ihn sofort holen zu lassen. Die Königin ging zu Ywain und sagte ihm, daß Artus ihn erwartete. Beschämt, daß er ohne Gawain kam, trat Ywain vor den König; (85) dieser kam ihm mit offenen Armen entgegen und bewillkommnete ihn mit großer Herzlichkeit. Am Hofe war die Freude aller sehr groß, als man sah, daß Ywain zurückgekehrt war. Der König ließ Ywain an seiner Seite Platz nehmen und fragte ihn, wie es ihm während seiner Abwesenheit ergangen wäre und ob er Girflet und Keux nicht gesehen hätte, die ihn suchten. Ywain erzählte dem Könige, daß er beide an dem Perron du Cerf getroffen hätte, wo ihm ein so schreckliches Unglück passiert wäre. Dann, nachdem er den üblichen Eid geleistet hatte, die Wahrheit zu sagen, erzählte er seine Abenteuer, die der König sogleich aufzeichnen ließ.