IV. __Die Suche nach Merlin.__ SS. 85-94. An jenem Abende wurde Gawains Name nicht erwähnt, weil man Ywain schonen wollte. Am nächsten Tage aber fragte Artus seinen Neffen, was aus Gawain geworden wäre. Ywain erzählte alles was geschehen war, soweit er wußte, seitdem sie zusammen Camelot verlassen hatten. Als der König hörte, daß Gawain und der Morholt auf La Roche aux Pucelles verzaubert lebten, fragte er seine Ritter, was er tun könnte, um sie zu befreien. Er war geneigt sogleich aufzubrechen, den Felsen zu belagern und zu zerstören, selbst wenn er von Stahl wäre. (86) "Das ist unmöglich," erklärte Ywain und erzählte, was ihm der Ritter über die Zauberkraft seiner früheren Geliebten gesagt hatte; dann riet er dem Könige, Merlin kommen zu lassen, der bald Mittel und Wege finden würde, die beiden Ritter aus der Gewalt der Jungfrauen zu befreien. "Das ist der beste Rat, der mir gegeben werden konnte", sagte der König, "denn Merlin allein kann uns helfen". Derselben Meinung waren alle am Hofe, aber Merlin war seit langer Zeit von keinem gesehen worden. Einige glaubten, daß Merlin tot wäre. "Das glaube ich nicht", erklärte Artus, "denn wenn das wahr wäre, hätten wir davon gehört. Wir müssen Merlin suchen lassen, bis er gefunden ist."

Sogleich schickte Artus Ritter und Knappen nach allen Richtungen, um Merlin zu suchen, und befahl ihnen besonders alle Orte zu erforschen, wo Merlin sich aufzuhalten pflegte. Er versprach reiche Belohnung demjenigen, dem es gelingen würde, Merlin herbeizuführen. Die gute Belohnung einerseits, und der Wunsch, dem Könige einen Dienst zu leisten und sich seine Gunst zu erwerben andrerseits, veranlaßten viele Ritter auf die Suche nach Merlin zu gehen, aber alle ihre Bemühungen waren vergeblich, denn Merlin war tot; allerdings wußten um seinen Tod nur die damoyselle du lac, ihr Gefolge und Baudemagus.

Da ereignete es sich eines Tages, daß Tor, der Sohn des Ares, in Wirklichkeit[61] des Königs Pellinor, an einem Mittwoch am Rande eines Waldes Aglant einen Ritter des Königs Artus, der in der Petite Bretaigne geboren war, traf. Beide waren hocherfreut, sich wiederzusehen, keiner konnte aber dem andern mitteilen, daß seine Suche nach Merlin erfolgreich gewesen wäre. "Da wir, jeder allein, keinen Erfolg gehabt, haben", erklärte Aglant, "laß uns versuchen, ob wir vereint mehr Glück haben werden". (87) Damit war Tor einverstanden.

So ritten Tor und Aglant viele Tage zusammen und suchten Merlin, ohne irgendwelche erwähnenswerten Abenteuer zu finden. Eines Tages begegneten sie einem stattlichen Ritter in schwarzer Rüstung und auf einem schwarzen Pferde. Dieser Ritter, der die beiden Gefährten an ihren Waffen erkannte, forderte sie zum Kampfe heraus. Auf seine Bitte ließ Tor Aglant zuerst sein Glück versuchen. Aglant ritt gegen den schwarzen Ritter und dieser gegen ihn. Aglants Lanze brach, und er wurde von dem schwarzen Ritter samt seinem Pferde zu Boden geworfen, aber nur leicht in der Seite verwundet. Als er am Boden lag, rief ihm der schwarze Ritter zu: "Jetzt habe ich mich gerächt, Aglant,[62] dafür, daß du mich den Sitz an der Tafelrunde hast verlieren lassen, weil ich noch zu jung war, wie du sagtest."

Um seinen Genossen zu rächen, griff nun Tor den schwarzen Ritter an und verwundete ihn leicht in der Seite; der schwarze Ritter aber durchbohrte ihm mit der Lanze die linke Schulter; die Lanze zerbrach, als Tor zu Boden stürzte. Dem gefallenen Tor rief der schwarze Ritter zu: "Nun kannst du erkennen, Tor, ob ich weniger würdig war, an der Tafelrunde zu sitzen als du, und daß man mir unrecht tat, als man dir den Sitz gab. Gott hat mir auch vergönnt, mich an dem zu rächen, dem ich den Verlust dieser Ehre verdanke." Dann wandte sich der schwarze Ritter an Aglant, der schon sein Schwert gezogen hatte, und sagte: (88) "Stecke dein Schwert in die Scheide, wir kämpfen nicht weiter; ich habe euch angegriffen, weil ich euch erkannte und weiß, daß ihr Merlin suchet, und weil ich der einzige bin, der euch über Merlin Nachricht geben kann. Ich will euch sagen, was ich weiß, mehr könnt ihr nicht erfahren, so viel ihr euch auch bemühen möget. Merlin ist tot; er starb genau so wie er mir am Hofe vorhersagte, als er erklärte:[63] 'Du wirst eines ehrenvollen Todes sterben, aber ich werde lebendig begraben werden.'" Aglant fragte, wie das gekommen sei; der schwarze Ritter weigerte sich aber, mehr zu sagen, doch fügte er hinzu: "Sage Artus, daß die letzten Worte, die Merlin zu mir gesprochen hat, waren: 'Gawain und der Morholt werden nicht von La Roche aux Pucelles herunterkommen, bevor Gaheriet Ritter sein und sie befreien wird.' Ich bin Baudemagus, der Neffe des Königs Urien, den Artus selbst zum Ritter gemacht hat." Damit ritt der schwarze Ritter, so schnell ihn sein Pferd zu tragen vermochte, davon. Tor hatte sich inzwischen erhoben und wollte nun den schwarzen Ritter verfolgen, Aglant aber hielt ihn zurück, und erzählte ihm alles, was er gehört hatte. "Dann können wir nach Camelot zurückkehren", sagte Tor, "denn unsere Suche ist zu Ende, da Merlin tot ist".

Nachdem Tor, um seine Wunden zu heilen, in dem Hause eines Ritters (89) zwei Wochen geblieben war, während deren Aglant ihm Gesellschaft geleistet hatte, kehrten beide so schnell sie konnten nach Camelot zurück. Am Anfang des Winters erreichten sie ihr Ziel. Nachdem sie ihre Waffen abgelegt hatten, ließ sie Artus vor sich kommen und fragte, ob sie Nachricht über Merlin brächten. Sie berichteten, daß sie Baudemagus getroffen hätten, und was er ihnen dem Könige zu sagen aufgetragen. Artus war über den Tod seines treuen Beraters, dem er so viel verdankte, sehr traurig; es rührte ihn besonders, daß Merlin noch kurz vor seinem Tode an ihn gedacht hatte, als er ihm sagen ließ, wer der Befreier Gawains sein würde.

Aber nicht nur Artus, sondern der ganze Hof trauerte um Merlin, denn alle hatten unbegrenztes Vertrauen in Merlins Macht und Fürsorge gehabt. Die Königin erklärte, sie hätte lieber zwei der besten Städte verloren als Merlin. Aglant vermochte nicht zu sagen, wer Merlin lebendig begraben hätte, er vermutete aber, daß es ein Weib getan hätte. Artus war derselben Meinung; er fragte Aglant, was er von Baudemagus hielte. "Er ist ein guter Ritter", sagte Aglant, "und wird einer der besten der Welt werden, wenn er am Leben bleibt". "Auch ich hatte stets eine hohe Meinung von ihm", sagte Artus, "und darum will ich ohne Verzug Gaheriet zum Ritter machen, denn das kann mir nur zum besten gereichen". (90)

Als Artus' Neffen Agravain, Gaheriet und Guerrehes geholt wurden, und als Agravain hörte, was Merlin über Gaheriet zu Baudemagus gesagt haben sollte, war er sehr neidisch auf seinen Bruder. "Ich bin der ältere", erklärte er einem vertrauten Gefährten, "ich bin stärker, geübter und gewandter als mein Bruder, mir kommt es rechtmäßig zu, Gawain zu befreien, und ich will mir nicht nehmen lassen, was mir von rechtswegen gehört. Ich weiß, Merlin hat Gaheriet mehr geliebt als mich und bevorzugte ihn, aber darum soll sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn ich will sehen, daß ich vor Gaheriet zum Ritter gemacht werde."

Sogleich ging Agravain zu seinem Onkel und bat ihn um eine Gunst, und als dieser bereit war, seinen Wunsch zu erfüllen, verlangte er, daß er ihn vor Gaheriet zum Ritter machte, weil er der ältere war. Der König, der Agravains Beweggründe nicht kannte, versprach ihm das gern. Artus beschloß am bevorstehenden Weihnachtsfest seine drei Neffen in den Ritterstand aufzunehmen und ließ weit und breit verkündigen, daß er zur Ehre derselben einen glänzenden Hof halten würde. So kam es, daß am heiligen Abend den König in seiner Halle eine große und stattliche Versammlung seiner Barone und Ritter umgab. Mit seinen Neffen zugleich wollte Artus noch zwanzig andere Jünglinge zu Rittern machen. Seine Neffen und diese Jünglinge ließ er die Nacht in der Hauptkirche von Camelot wachen. (91)

Am andern Morgen, nach der Messe, versammelten sich alle wieder in der Halle. Es war damals Sitte, daß die Jünglinge, welche die Nacht gewacht hatten, am Morgen ihre Sünden bekannten und dann, schon mit Ritterkleidern angetan, der Messe beiwohnten; daß ihnen aber erst nach der Messe das Schwert umgegürtet, d. h. diejenige Handlung vollzogen wurde, durch welche sie eigentlich erst Ritter wurden. Agravain drängte sich vor, gab seinem Onkel sein Schwert und bat ihn, ihm dasselbe umzugürten. Der König war im Begriff das zu tun, als ihm plötzlich ein stummer Narr das Schwert aus der Hand riß und dasselbe weit fortschleuderte. Dieser Narr war seit fünfzehn Jahren, sowohl zur Zeit Uterpandragons als auch seines Nachfolgers am Hofe geduldet, weil er harmlos war, und niemand hatte ihn je ein Wort sagen hören. Jetzt war er plötzlich fähig zu sprechen und sagte: "König Artus, was willst du tun? Willst du Agravain vor Gaheriet, dem besten Ritter deines Geschlechts, das Schwert umgürten? Du mußt ihn zuerst zum Ritter machen, und er kann dann seine Brüder und die übrigen gürten, denn er ist dieser Ehre würdig." Artus war erstaunt, daß der Stumme plötzlich reden konnte, ließ seine Barone näher treten und fragte vor ihnen den Narren: "Wer hat dir befohlen, mir das zu sagen?" "Merlin der Weise", antwortete der Narr, "sagte mir, daß am heutigen Tage der schlechte versuchen würde, sich vor den guten zu stellen, um zuerst Ritter zu werden. Als ich Merlin fragte, woran ich den schlechten würde erkennen können, erwiderte er: 'Der schlechte ist Agravain der Stolze, der gute ist Gaheriet der Demütige' und dann fügte er hinzu, daß ich Agravains Absicht um jeden Preis vereiteln müßte." Agravain war aufgebracht, als er des Narren Worte hörte, erinnerte seinen Onkel an das Versprechen, welches er ihm gegeben hatte, und bat ihn, der Worte eines Unzurechnungsfähigen halber ihm nicht unrecht zu tun. Artus aber nahm die Sache ernst; er hielt das Einschreiten des Narren für ein Wunder und eine Offenbarung des Willens Gottes. (92)