Er lud seine weisesten Männer ein, ihm in ein anderes Gemach zu folgen, und fragte sie, über das was geschehen war, um ihre Meinung. Sie erklärten, daß Gott, der Gaheriets gute Eigenschaften kenne, seinethalben das Wunder hätte geschehen lassen. "So denke auch ich", sagte Artus, "und deshalb will ich Merlins Wunsch auch in diesem Punkte erfüllen". Nach der Halle zurückgekehrt, ließ Artus Gaheriet vortreten, und gürtete ihm, trotz der Einwendungen Agravains, zuerst das Schwert um, indem er sagte: "Gott will es so, möge er dir Ruhm und Ehre verleihen". Nun bat Guerrehes seinen Bruder Gaheriet, ihm das Schwert umzugürten. Weinend erklärte sich Gaheriet solcher Ehre unwürdig, Artus aber ermutigte ihn und sagte ihm, daß er nicht zögern dürfte, den Willen Gottes zu erfüllen. Guerrehes erinnerte Gaheriet daran, daß er als neuer Ritter ihm die erste Bitte nicht abschlagen dürfte. Dann machte Gaheriet seinen Bruder und die anderen Jünglinge zu Rittern; Agravain aber weigerte sich, das Schwert aus seines Bruders Hand zu empfangen und bestand darauf, daß Artus selber ihn zum Ritter machte.

Als nachher der König und alle Barone und Ritter bei Tische saßen, trat eine Jungfrau in die Halle, grüßte den König und begehrte Gaheriet zu sehen. (93) Als der König ihr Gaheriet zeigte, zog sie einen Kranz frischer Rosen unter ihrem Mantel hervor, legte denselben Gaheriet auf das Haupt und sagte: "Diese Rosen sendet dir die Königin de lisle faee". Nachdem Gaheriet der Jungfrau gedankt und sie gebeten, der ihm unbekannten Königin Dank zu sagen, verließ diese, trotz der Bitten des Königs und vieler anderer, die Halle. Die Rosen wurden allgemein als Zauberwerk bewundert, denn zu jener Zeit gab es zur Weihnachtszeit in Großbritannien keine Rosen. Artus sagte scherzend, daß die Königin de lisle faee Gaheriet augenscheinlich nicht haßte. Der Narr sagte dann: "Gaheriet, die Königin, welche dir die Rosen sendet, ist eine der weisen Frauen der Welt, welche die Zukunft kennen. Sie weiß warum sie dich ehrt. Wie die Rose alle anderen Blumen übertrifft, so wirst du alle, die heute zu Rittern gemacht worden sind, übertreffen. Du würdest auch alle Gefährten der Tafelrunde, mit Ausnahme von zweien, übertreffen, wenn dein Wert nicht verringert würde durch eine Sünde, die du begehen wirst, und die den Tod[64] deiner Mutter beschleunigen wird." Sobald der Narr diese Worte gesagt hatte, fiel er tot zu Boden. Artus bekreuzte sich und erklärte: "Gaheriets Ritterschaft hat gut angefangen, (94) möge Gott geben, daß ihr Ende so schön werde wie ihr Anfang". Den Narren ließ der König mit den Ehren begraben, die man einem toten Ritter erwies. Auf seinen Grabstein vor der St. Stephans Kirche in Camelot schrieb man: "Hier ruht der Narr Marin, der all sein Lebtag stumm war, aber an dem Tage, da Gaheriet Ritter wurde, sprechen konnte".

V. __Die Abenteuer Gaheriets.__ SS. 94-131. Am Tage nach Weihnachten war Artus mit wenigen Begleitern außerhalb Camelots auf einem Spaziergange begriffen, als er einem großen Ritter in roter Rüstung begegnete. Der Ritter war so tief in Gedanken versunken, daß er des Königs Gruß nicht hörte und daher, ohne denselben zu erwidern, weiter ritt. Der König, der glaubte, der Ritter habe aus Stolz und Hochmut seinen Gruß nicht erwidert, erklärte: "Wenn ich ein fahrender Ritter wäre, würde ich nicht eher ruhen, bis ich wüßte, wie jener stolze Ritter Lanze und Schwert zu gebrauchen weiß". Kaum hatte der König geendet, so kam ein anderer Ritter desselben Weges. Als der König diesen grüßte, erwiderte er: "Möge dir Gott größere Freude geben als mir beschieden ist, denn ich reite einem (95) sicheren, schmachvollen Tode entgegen". Der König erfaßte des Ritters Zügel, bat ihn, seine Worte zu erklären, und versprach, wenn es in seiner Macht stünde, ihm zu helfen. Als der König sich dem Ritter zu erkennen gegeben hatte, stieg dieser von seinem Pferde und bat den König kniend um Hilfe.

Der König war zu Thränen gerührt und seine Begleiter gleichfalls: "Ich will dir helfen", sagte er zu dem Ritter, "sage mir was dich bedrückt". "Du sahst kurz vor mir", begann der Ritter, "einen anderen Ritter in roter Rüstung bei dir vorbeikommen, er ist einer der besten, stärksten und edelsten Ritter, der Sohn des Herzogs von Avarlan. Er hält einen Bruder von mir in seinem Gefängnis, weil er glaubt, dieser habe ihn verraten. Ich suchte meinen Bruder bis ich erfuhr, daß er im Gefängnis war. Dann ritt ich zu dem Herzog und beschuldigte seinen Sohn vor ihm und seinem Hofe des Verrats. In der nächsten Woche soll der Kampf zwischen uns stattfinden. Während der letzten fünfzehn Tage streifte ich in Logres umher, um Abenteuer zu suchen. Letzten Dienstag traf ich zufällig zwei Ritter, die mich wegen des Todes eines Vetters haßten. Sie griffen mich an, wir kämpften lange, ich tötete sie beide, aber ich erhielt vier schwere Wunden. In eines Ritters Hause weilte ich zwei Tage, um meine Wunden prüfen zu lassen und um zu ruhen, aber ich konnte nicht abwarten bis sie geheilt waren, weil ich nach des Herzogs Hof reiten muß, um meinen Termin zu halten. Ich war aber noch nicht stark genug zum reiten, meine Wunden öffneten sich wieder, ich verlor viel Blut und litt unsägliche Schmerzen; ich kann mein Ziel nicht erreichen, man wird mich für einen ehrlosen, einen Feigling halten und meinen Bruder, einen braven Ritter, schänden und töten. Nun weißt du, warum ich sagte, daß ich einem schmachvollen Tode entgegen ritte". Damit fiel der Ritter von neuem auf die Knie und flehte Artus um Hilfe an. Der König tröstete ihn und sagte, er wollte ihm helfen; wenn keiner von seinen Rittern bereit wäre, gegen den Sohn des Herzogs zu kämpfen, so wäre er selber bereit es zu tun. Der Ritter dankte dem König. Artus fragte seine Begleiter, ob einer von ihnen seinethalben bereit wäre, den Kampf für den Ritter zu übernehmen, aber alle schwiegen, denn sie hatten den stattlichen Ritter in der roten Rüstung gesehen und loben hören (97). Als Gaheriet sah, daß keiner der erprobten Ritter vortrat, kniete er vor Artus nieder und erbat sich als eine Gunst die Erlaubnis gegen den roten Ritter kämpfen zu dürfen, indem er darauf hinwies, daß der König die erste Bitte eines neuen Ritters gewähren müßte. Der König machte Gaheriet klar, daß die Aufgabe, die er unternehmen wollte, für einen jungen, zarten Ritter viel zu schwierig wäre und suchte ihm abzureden; aber Gaheriet beharrte bei seinem Entschluß, ja er drohte ohne Erlaubnis gehen zu wollen, falls der König ihn nicht gehen lassen würde. Als Artus sah, daß Gaheriet entschlossen war, gab er ihm Erlaubnis und bat Gott, ihn zu beschützen. Als der Ritter hörte, daß der junge Ritter, der für ihn kämpfen wollte, Gaheriet sei, sagte er laut: "Gott sei gedankt, nun weiß ich, daß meine Sache in guten Händen ist, denn eine Jungfrau, die ich gestern traf, sagte mir, daß eine Dame, die es wisse, ihr gesagt hätte, daß Gaheriet einer der besten Ritter der Welt werden würde". "Du sprichst von der Jungfrau der Königin de lisle faee", sagte Artus, "die Gaheriet den Rosenkranz geschickt hat; wir waren alle erstaunt, im Winter solche Rosen zu sehen".

"Nun laßt uns nach Camelot zurückkehren, damit der verwundete Ritter ruhen kann", sagte Artus. Im Palast angekommen, befahl Artus, dem Ritter ein Gemach anzuweisen, seine Wunden zu untersuchen und ihn mit allem, was er wünschte, zu versorgen. Des Ritters Wunden waren sehr schwerer Art und noch verschlimmert durch seinen langen Ritt. Später sagte der Ritter zu Gaheriet, der ihn nach seines Bruders Namen fragte: "Mein Bruder heißt Gallinor, ich heiße Gallin (98), der Sohn des Herzogs heißt Baudon. Der Kampf soll am nächsten Dienstag stattfinden. Wenn du pünktlich dein Ziel erreichen willst, mußt du morgen früh aufbrechen, denn bis dahin sind es drei gute Tagereisen, aus denen du vier machen solltest." Gaheriet versprach am nächsten Morgen aufzubrechen.

Am Abend verabschiedete sich Gaheriet von der Königin, die ihn sehr lieb hatte und sein Fortgehen bedauerte. Auch von den Damen und Jungfrauen der Königin, deren aller Liebling er war, nahm Gaheriet Abschied. Den Jungfrauen gab er seinen Rosenkranz und sie machten zum Dank dafür das lay de la rose, das in ganz England bekannt wurde. Aber "pour ce que elles ny firent pas adonc beau chappeau comme li dis estoit", machte Tristan, als er an den Hof kam und von dem lay de la rose sprechen hörte, ein anderes Lied und die Harfenbegleitung dazu.

Als Agravain seinen Bruder Abschied nehmen sah, war er sehr traurig und von Neid erfüllt und beschloß ihn auf dem Wege anzugreifen und zu töten, denn, dachte er, "wenn er den Kampf besteht, bin ich entehrt, weil ich der ältere bin; ich muß ihn demütigen". Er plante, am nächsten Tage den König um Erlaubnis zu bitten, ihn auf Abenteuer ausziehen zu lassen. Er wollte aber, nachdem er Camelot verlassen hatte, seine Waffen wechseln, Gaheriet einholen und mit ihm kämpfen, denn er hielt Gaheriet für schwächer als sich selber.

So treulos und verräterisch wollte Agravain seinen Bruder angreifen, der in seiner Herzensgüte und Demut, an (99) nichts Übles dachte. Am nächsten Morgen nach der Messe schwur Gaheriet, daß er niemals über eine gute Tat, die er vollbracht, sprechen wollte, es sei denn gezwungenermaßen, und daß er jeder Jungfrau helfen wollte, die ihn um seine Hilfe bitten würde, wenn ihre Sache eine gute wäre. Von den besten Wünschen aller begleitet verließ Gaheriet wohlbewaffnet, mit einem Knappen, Camelot. Viele geleiteten ihn noch bis zum Walde von Camelot. Nachdem Gaheriet den Hof verlassen hatte, erbat Agravain die Erlaubnis des Königs, auf Abenteuer ausziehen zu dürfen, und zu versuchen, ob er Gawain befreien könnte. Auch von der Königin und ihren Damen verabschiedete sich Agravain. Guerrehes, sein Bruder, war sehr traurig und erklärte, als Agravain ihn fragte, weshalb er nicht auch Abenteur suchte, er würde bei der ersten sich bietenden, Gelegenheit seinem Beispiel folgen.

Nachdem Agravain von Guerrehes, der ihn ein Stück begleitet hatte,
Abschied genommen, ritt er mit seinem Knappen Gaheriet nach. Gegen
Mittag traf er einen alten Pilger und erfuhr von ihm, daß ein Ritter
und ein Knappe, auf die seine Beschreibung paßte, etwa (100) vier
Meilen vor ihm ritten. Das war Agravain genug, denn er wollte Gaheriet
erst am nächsten Tage einholen, wenn er seine Waffen gewechselt hatte.
Die Nacht verbrachten beide Brüder an demselben Orte, Gaheriet bei dem
Schloßherrn, Agravain bei einem vavassour in der Stadt.

Agravain bewog den vavassour, ihm seine Rüstung zu überlassen, und ließ ihm dafür die seinige zurück. Nachdem er sich den Weg nach Avarlan genau hatte beschreiben lassen, setzte er bei Tagesanbruch seinen Ritt fort. In einem Wäldchen stieg er ab und machte sich kampfbereit. Er sagte seinem Knappen, daß er beabsichtigte, seinen Bruder Gaheriet auf die Probe zu stellen, und befahl ihm, sobald er Gaheriet erblickte, sich im dichten Walde zu verbergen, weil dieser ihn erkennen würde. Der Knappe bemühte sich, seinem Herrn klar zu machen, daß dessen Vorhaben nicht nur leichtsinnig, sondern auch wenig ehrenhaft wäre, aber er predigte tauben Ohren. Agravain wiederholte seinen Befehl und drohte, den Knappen zu züchtigen, falls er ungehorsam wäre.