Nach kurzem Warten erschien Gaheriet mit seinem Knappen in der Ferne. (101) Agravain bestieg sogleich sein Pferd, nahm Schild und Lanze zur Hand und machte sich zum Kampfe bereit; sein Knappe verbarg sich im Walde und bat Gott, seinen Herrn zu bestrafen, weil er aus Neid seinen eigenen Bruder angreifen wollte. Agravain forderte Gaheriet zum Kampfe heraus. Gaheriet nahm erfreut die Forderung an, denn er erkannte Agravain nicht und die Forderung war die erste, die er erhielt, nachdem er Ritter geworden war. Ohne weitere Worte zu verlieren, ritten beide Brüder auf einander los. Agravain durchbohrte Gaheriets Schild und zersplitterte seine Lanze, dieser aber warf ihn mit samt seinem Pferde zu Boden, ritt davon, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, und dankte Gott, daß er ihn einen so guten Anfang hatte machen lassen.

Agravains Knappe war nicht traurig, als er seinen Herrn am Boden liegend fand; er dankte Gott, daß er Stolz erniedrigt und Demut erhöht hatte. Agravain war nicht ernstlich verwundet, sondern nur erschüttert von dem Fall, und für seine Erschütterung machte er den hartgefrorenen Boden verantwortlich. Zu seinem Knappen sagte er: "Obgleich mein Bruder mich aus dem Sattel gehoben hat, hat er mich nicht besiegt. Ich werde ihm folgen und nicht an den Hof zurückkehren, bis ich eine passende Gelegenheit zu einem entscheidenden Kampfe gefunden haben werde". (102) "Was hat dir dein Bruder getan", fragte der Knappe, "daß du ihn so haßt? Jeder, der deine Gesinnung hört, muß dich für töricht und niedrig halten. Dabei läufst du auch keine geringe Gefahr, getötet zu werden, denn Gaheriet ist kein Lamm, er weiß seine Haut zu verteidigen, und wenn es darauf ankäme, würde ich mich eher auf seine als auf deine Tapferkeit verlassen. Darum bitte ich dich, gib deinen Plan auf". Agravain weigerte sich entschieden das zu tun. "Und wenn es dir wirklich gelingt", begann der Knappe wieder, "deinen Bruder zu besiegen, was dann?" "Nichts in der Welt würde mich dann abhalten, ihm den Kopf abzuschlagen", antwortete Agravain, "denn ich hasse ihn wie keinen anderen". "Das heißt", sagte der Knappe, "du trachtest deinem Bruder nach dem Leben, und bist ein treuloser Schurke, mit dem ich nichts weiter zu tun haben will. Wenn dein eigener Bruder vor dir nicht sicher ist, um wie viel weniger bin ich es; ich verlasse dich". Vergeblich bemühte sich Agravain, den Knappen zum Bleiben zu veranlassen; der letztere erklärte, daß er nicht an den Hof, sondern zu einem Bruder gehen würde, wo er das Ergebnis des Kampfes zwischen den beiden Brüdern abwarten wollte. So trennten sich beide. Agravain eilte Gaheriet nach, um sich zu rächen. Gaheriet ritt mit seinem Knappen bis er an einen großen, tiefen Fluß kam.

Als er im Begriff war mit seinem Pferde den Fluß zu durchschwimmen, hörte Gaheriet einen Menschen jammern und stöhnen. (103) Auch der Knappe erklärte menschliche Klagetöne zu hören. Nach kurzem Suchen fand Gaheriet, ganz nahe am Flusse, unter Bäumen, "tout nu en chemise et en brayes", einen an Händen und Füßen gefesselten Mann, dessen Augen verbunden waren und der vor Kälte zitterte, denn er war braun und blau gefroren. Als Gaheriet näher kam, hörte er den unglücklichen Menschen mit Verrat und allen damit zusammenhängenden Lastern ein Zwiegespräch führen. (104)

Darauf schwieg der Gefesselte ein Weilchen und begann dann ein neues Zwiegespräch mit dem Tode. Als er wieder schwieg, nahte ihm Gaheriet und fragte ihn, wer er wäre. Statt zu antworten fragte der Gefesselte Gaheriet, ob er einer von den Räubern und Verrätern wäre, denen er seine Schmach verdankte, oder ob er ein fahrender Ritter vom Hofe Artus' wäre; "ich frage", fuhr er fort, "weil mir, der ich alle Ritter kenne, mit Ausnahme der jüngsten, deine Stimme nicht bekannt vorkommt". Dann nannte Gaheriet seinen Namen.

"Und wer bist du?" fragte Gaheriet den Gefesselten. "Ich bin Baudemagus, der unglücklichste Ritter, der je gelebt hat, denn wohin ich auch immer komme, habe ich nichts als Unglück." Gaheriet nahm Baudemagus die Binde von den Augen und zerschnitt seine Fesseln. Sobald Baudemagus sich befreit fühlte, bewillkommnete er Gaheriet als seinen Lebensretter. Als er den nahen Fluß bemerkte, sagte Baudemagus, "hätte ich gewußt, daß ich so nahe am Wasser war, so hätte ich meinem Leben schon lange ein Ende gemacht".

Gaheriet gab dem Baudemagus von seiner Kleidung alles, was er entbehren konnte; er ließ seinen Knappen absteigen, um selbst dessen Pferd zu besteigen, und sein eigenes Baudemagus zu überlassen, aber dieser nahm es nicht an, sondera bestieg des Knappen Pferd. "Wohin gehen wir nun?" fragte Gaheriet. Baudemagus hatte keine Ahnung, wohin man ihn geschleppt hatte. Als Gaheriet ihm beschrieben hatte, wo sie sich befanden, deutete Baudemagus auf den Fluß und sagte: "Jenseits des Flusses lebt ein mir befreundeter vavassour, der mir alles, was ich brauche, geben wird." (105) Gaheriet war froh, daß durch Zufall auch er nach jener Richtung zu gehen hatte.

Nachdem der Knappe hinter Gaheriet auf dessen Pferde Platz genommen, durschschwammen die drei auf den Pferden den Fluß und erreichten ungefährdet das andere Ufer. Gerade als sie ans Land stiegen, erreichte Agravain das Ufer, welches sie soeben verlassen hatten. Der Knappe erkannte ihn sogleich als den Gegner seines Herrn am letzten Morgen, und indem er Gaheriet auf ihn aufmerksam machte, sagte er: "Jenes ist der Ritter, den du heute früh aus dem Sattel gehoben hast, er folgt dir auf dem Fuße, um sich zu rächen, wenn er kann". "Meinetwegen", erwiderte Gaheriet und fragte dann Baudemagus, wie er an den Fluß gekommen wäre und wer ihn so schändlich behandelt hätte. "Das will ich dir sagen", erklärte Baudemagus, "wisse, daß König Pellinor, der allgemein für einen der besten und ehrenhaftesten Ritter gilt, mir das angetan hat". Dann erzählte er Gaheriet ausführlich wie alles gekommen war, wie er der Frau Pellinors halber[65] verraten und gemißhandelt worden war, mes de ceste auenture comment il li aduint ne parole mie cest liure, car messire Helyes le deuise appertement ou Compte du Brait por ce quelle appartient a la vie Baudemagus. Et pour ce sen taist messire Robert de Borron, car il ne veult mie compter chose qui en autres comptes soit appertement deuisee.

Als Gaheriet Baudemagus' Geschichte gehört hatte, zögerte er nicht, Pellinors Handlungsweise zu tadeln. Während sie noch miteinander sprachen, erreichten sie das Haus des vavassour, der Baudemagus mit Freuden empfing und ihn mit Pferd, Waffen und allem, wessen er bedurfte, versah. Nachdem Baudemagus neu gekleidet und gerüstet war, bestieg er ein Pferd und ritt mit Gaheriet und dessen Knappen weiter. Unterwegs erzählte Gaheriet, daß er auf dem Wege nach Avarlan sei, wo er gegen Baudon, den Sohn des Herzogs, kämpfen wollte, und daß dann sein nächstes Ziel La Roche aux Pucelles wäre, um Gawain (106) zu befreien, der dort verzaubert weilte. "Wenn Gott mich am nächsten Dienstag in einem Kampfe, der mir bevorsteht, siegen läßt", erklärte Baudemagus, "dann werde ich auch dahin kommen". "Das trifft sich seltsam", sagte Gaheriet "auch mein Kampf ist auf nächsten Dienstag festgesetzt." "Dann laß uns verabreden", sagte Baudemagus, "daß wir uns, wenn wir unsere Gegner besiegt haben werden, am Felsen wiedersehen wollen; wer zuerst ankommt, möge auf den andern drei oder vier Tage warten, und wenn er dennoch ohne den andern gesehen zu haben, den Ort verläßt, so lasse er ein Zeichen von sich zurück".[66] Damit war Gaheriet einverstanden. Nachdem beide die Nacht bei einem Einsiedler zugebracht hatten, trennten sie sich. Mais de lauenture de Baudemagus ne deuise mie le compte, car elle ny doit pas estre comptee pour ce quelle est de la branche du Brait.[67]

Nachdem Gaheriet den ganzen Tag geritten war, ohne ein erzählenswertes Abenteuer gefunden zu haben, schlief er die Nacht in dem Hause einer Wittwe. Am folgenden Morgen setzte er in aller Frühe seinen Ritt fort und erreichte am Dienstag früh das Schloß Avarlan. Der Herzog, in Erwartung des Ritters, der gegen seinen Sohn kämpfen sollte, hatte seinen Hof um sich versammelt und sein Sohn saß neben ihm, mit Ausnahme seines Helmes vollständig gerüstet.

Gaheriet begrüßte den Herzog und (107) sagte ihm, daß er ein Abgesandter des Königs Artus wäre, und erklärte ihm den Zweck seines Kommens. Baudon, des Herzogs Sohn, bestritt, daß er je Verrat geübt hätte, und sagte, sein Vater möge ihn für unwürdig und treulos halten, wenn der Ritter ihn besiegte. Dann verlangte Gaheriet, den Gefangenen zu sehen. Gallinor der Gefangene, der Bruder des Gallin, wurde herbeigebracht. Gaheriet hatte eine Unterredung mit ihm allein. Er sagte: "Du bist verloren, denn dein Bruder ist unfähig hierher zu kommen. Sage mir bei dem Heile deiner Seele, ehe du stirbst, weshalb man dich gefangen hält". "Das will ich" sagte Gallinor, "der Wahrheit gemäß tun: Baudon und ich waren für mehr als fünfzehn Jahre Freunde und Waffengefährten. Baudon liebte eine Jungfrau dieses Landes und teilte mir seine Neigung mit, denn ich genoß sein unbegrenztes Vertrauen. Die Jungfrau war der Liebe Baudons nicht würdig, denn sie täuschte ihn mit seinem Vetter, dem sie sich hingab. Lange Zeit trafen sich beide (108) heimlich ohne ertappt zu werden; eines Tages fand ich sie. Aus Liebe zu Baudon wollte ich beide töten, ich ließ sie aber leben, als sie um Gnade flehten und hoch und heilig versprachen, nicht wieder zu sündigen. Weil aber beide fürchteten, daß ich doch eines Tages Baudon die Wahrheit sagen würde, beschlossen sie, mich zu vernichten. Die Jungfrau beklagte sich bei Baudon, daß ich ihr nachstellte und sie zu töten gedroht hätte, wenn sie sich weigerte, meinen Willen zu tun. Der Ritter bestätigte diese Anklage und sagte, daß nur er mich verhindert hätte, der Jungfrau Gewalt anzutun".