"Baudon war über meinen vermeintlichen Verrat sehr betrübt, denn er liebte mich. Er ließ mich fangen und ins Gefängnis werfen, aus dem ich jetzt zum ersten Male herauskomme, um den Tod zu erleiden. So wahr mir Gott helfe, das ist die Wahrheit". Gaheriet tröstete Gallinor und versicherte ihm, daß er nicht sterben werde, und sagte: "Ich werde für dich gegen Baudon kämpfen". Gaheriet suchte Baudon zu überreden, Gallinor frei zu lassen, aber vergebens. Dann gab Gaheriet dem Herzog sein Pfand und Baudon tat dasselbe. Nachdem Gaheriet den Herzog gebeten hatte, daß er Gallinor den Kampf mit ansehen ließe, begab er sich mit den anderen nach dem Kampfplatz (109). Unterwegs erflehte Gaheriet in einer Kapelle von Gott, daß er ihm den Sieg verliehe. Als er aus der Kapelle heraustrat, begrüßte ihn eine Jungfrau mit den Worten: "Gott gebe dir Ehre heute und immerdar". Gaheriet erwiderte ihren Gruß. "Wenn du mir versprechen willst", sagte die Jungfrau zu Gaheriet, "mir eine Gunst zu erweisen, wenn ich dich darum bitten werde, so will ich dir sagen, was dich sehr erfreuen wird". Als Gaheriet ihr das Versprechen gegeben hatte, sagte die Jungfrau: "So wisse denn, du wirst heute Baudon besiegen, und weil er einer der besten und mächtigsten Ritter dieses Landes ist, wird dieser Sieg dir zu großem Ruhme gereichen. Nun geh, aber vergiß nicht was du mir versprochen hast". Als Gaheriet an seinem Ziele ankam, war Baudon schon gewaffnet. Der Herzog hatte zwölf Ritter beauftragt den Kampfplatz zu bewachen und ihnen befohlen, niemanden denselben betreten zu lassen. Der Kampfplatz duroit vng grant arpent de loing et .iiij. de le und war mit eisernen Ketten ringsherum abgegrenzt.
Als das Signal zum Beginn des Kampfes gegeben war, ritten Gaheriet und Baudon mit solchem Ungestüm aufeinander los (110), daß ihre Lanzen zersplitterten und beide von ihren Pferden zur Erde stürzten. Nach kurzem Rasten waren beide wieder auf den Füßen, zogen ihre Schwerter und begannen den Zweikampf zu Fuß und setzten denselben mit solcher Bitterkeit fort, daß beide nach einer Weile der Ruhe bedurften, um Luft zu schöpfen. Als beide nach der Pause den Kampf wieder aufnahmen, wurde es bald klar, daß die Entscheidung sich zu Gunsten Gaheriets neigte. Die Zuschauer begannen um Baudons Leben besorgt zu werden und gaben ihren Gefühlen (111) der Enttäuschung und des Schmerzes auf verschiedene Weise Ausdruck.
Nach und nach begannen die beiden Kämpfer bedeutend zu erschlaffen trotz der übermenschlichen Anstrengungen, die jeder von beiden machte, den andern zu überwinden. Schließlich fing Baudon an zu weichen, und alle erkannten, daß er getötet werden würde, wenn der Kampf nicht auf irgend eine Weise unterbrochen würde. Als der Herzog die Gefahr seines Sohnes erkannte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten, aber er war zu ritterlich gesinnt, als daß er sich hätte entschließen können, einzugreifen. Als Gaheriet sah, daß er seines Gegners Schicksal in der Hand hielt, fühlte er Mitleid mit dem guten Ritter und sagte zu ihm: "Du mußt einsehen, daß du verloren hast; weil du aber ein so braver Ritter bist, will ich dir den weiteren Kampf erlassen, wenn du bereit bist, Gallinor in Freiheit zu setzen und ihn wieder als deinen Freund und Waffengefährten zu lieben". Baudon antwortete, daß er mit Freuden bereit wäre, das zu tun, wenn Gaheriet den Herzog überreden könnte, mit dieser Entscheidung zufrieden zu sein. "Ich will es versuchen," sagte Gaheriet. (112)
Gaheriet ließ durch die Wächter des Kampfplatzes den Herzog herbeiholen und erklärte ihm, daß sein Sohn und er selber die Ursache ihres Kampfes als eine nichtige erkannt und daß sie beschlossen hätten, denselben aufzugeben, wenn ihm diese Entscheidung nicht mißfiele. Der Herzog war hocherfreut, doch ließ er nicht merken, wie willkommen ihm diese Wendung des Schicksals war, und fragte seinen Sohn, ob er mit dem, was sein Gegner gesagt, einverstanden wäre. Baudon bejahte das. Die Umstehenden baten den Herzog, Gaheriets großmütiges Anerbieten nicht abzuschlagen.
Darauf betrat der Herzog den Kampfplatz und befahl Gaheriet und Baudon, ihre Helme abzunehmen und sich den Bruderkuß zu geben. Beide gehorchten zur großen Freude aller Umstehenden. Gaheriets edle und großherzige Handlungsweise fand allgemeinen Beifall. Baudon gelobte, Gallinor so lange er lebte als Freund und Gefährten zu lieben und ließ sich dann nach dem Schlosse tragen, denn er vermochte sich vor Erschöpfung kaum aufrecht zu erhalten. In der allgemeinen Freude über den glücklichen Ausgang des Kampfes, vergaß man Gaheriet ganz und gar. Gaheriet damit nicht unzufrieden, befahl seinem Knappen, sein Pferd herbeizubringen. (113)
Obgleich sein Knappe ihn abzuhalten suchte, beschloß Gaheriet ohne Verzug aufzubrechen, ungeachtet der Wunden, die ihm Baudon verursacht hatte. Er war noch nicht weit geritten, als er Agravain traf, der ihm nachgeschlichen war, und nun glaubte, daß der günstige Augenblick zur Rache gekommen wäre. Mit eingelegter Lanze ritt Agravain, so schnell sein Pferd ihn zu tragen vermochte, auf Gaheriet los. Dieser ergriff seinen Schild, zog sein Schwert und dachte bei sich: "Wenn der Ritter wüßte, wie ermattet ich bin, würde er mir gewiß den Kampf ersparen. Sollte es mir aber gelingen, ihn trotz meiner Ermattung zu besiegen, so wird mir das zu um so größerer Ehre gereichen." Agravain durchbohrte Gaheriets Schild und Harnisch und traf dessen linke Schulter mit seiner Lanze, die zersplitterte, vermochte ihn aber nicht aus dem Sattel zu heben. Gaheriet gab Agravain mit seinem Schwerte einen gewaltigen Schlag auf den Helm, so daß er das Haupt bis auf den Pferdehals beugte; nun riß er ihm den Helm vom Kopfe und schlug ihn damit bis er mit Blut überströmt war; dann zog er ihn vom Pferde und ließ ihn liegen wohin er gefallen war. Als Gaheriet mit seinem Knappen weiterritt, sagte der letztere zu ihm: "Der Ritter, den du eben so zugerichtet hast, ist derselbe, (114) den du vor drei Tagen besiegtest; er ist uns die ganze Zeit gefolgt und glaubte nun, da er dich von dem Kampf mit Baudon erschöpft zu finden hoffte, sich leicht an dir zu rächen". "Hätte ich das gewußt", sagte Gawain, "so hätte ich ihn nicht so billigen Kaufes davon kommen lassen; sollte er noch einmal kommen, so wird er es bereuen".
Bei einem Förster, einem Lehnsmann des Königs Artus, fand Gaheriet gastfreundliche Aufnahme; er blieb im Hause des Försters bis seine Wunden geheilt waren. Bevor er weiter ritt wechselte er seine Waffen, weil er unerkannt zu bleiben wünschte. Den ersten Tag ritt er, ohne daß ihm etwas der Erwähnung wertes begegnet wäre, und schlief die Nacht im Hause eines Ritters. Am nächsten Tage begegnete er der Jungfrau, der er versprochen hatte, eine Gunst zu erweisen, wenn sie ihn darum bitten würde. Wegen der fremden Waffen, die er trug, erkannte die Jungfrau Gaheriet nicht und fragte ihn, nachdem sie ihn begrüßt, wie er hieße. Gaheriet gab sich zu erkennen; die Jungfrau bat ihn, ihr nun sein Versprechen zu erfüllen. Gaheriet war dazu gern bereit. "Nicht weit von hier", sagte die Jungfrau, "lebt eine schöne Dame, die mir durch Betrug und Täuschung meinen Geliebten geraubt hat, ihn, den ich über alles in der Welt liebe. (115) Ich wünsche, daß du mich rächst an der Treulosen und mir ihren Kopf bringst." Gaheriet bat die Jungfrau, ihm einen anderen Auftrag zu geben, denn es widerstrebte ihm, ohne die dringendsten Gründe einem Weibe den Kopf abzuschlagen. Die Jungfrau bestand auf ihrer Forderung und drohte Gaheriet, sich an ihm zu rächen, falls er sein Wort nicht hielte. "Wenn ich dir nicht helfe Gawain und den Morholt zu befreien", sagte sie, "so wird dir alle deine Tapferkeit und Mühe nichts helfen". Die Erinnerung an Gawain bestimmte Gaheriet nachzugeben. Nachdem ihm die Jungfrau gelobt hatte, ihm so gut sie konnte zu helfen, Gawain zu befreien, verlangte Gaheriet zu wissen, wo ihr Geliebter und ihre Nebenbuhlerin zu finden wären.
Die Jungfrau führte Gaheriet durch den Wald zu zwei Pavillons. Vor dem einen hielt ein Zwerg ein stattliches Kampfroß am Zügel. "Hier", sagte die Jungfrau, "wirst du einen Kampf zu bestehen haben, denn mein Geliebter ist ein starker und tapferer Ritter". Gaheriet fragte die Jungfrau noch einmal, ob sie wirklich ernstlich verlangte, daß er ihrer Nebenbuhlerin das Haupt abschlüge, und sie bejahte seine Frage.
Dann stieg Gaheriet ab und trat, trotz der Widerreden des Zwerges, (116) in den ersten Pavillon ein. Darin fand er einen, mit Ausnahme des Helmes, vollständig bewaffneten Ritter mit einer schönen Dame im Gespräch, und bei ihnen war noch eine andere weniger schöne Dame. Als der Ritter Gaheriets ansichtig wurde, forderte er ihn auf, sofort umzukehren, denn es sei anmaßend von ihm, ohne Erlaubnis in eines anderen Pavillon einzutreten. Gaheriet erklärte dem Ritter, daß er keine andere Wahl gehabt hätte, weil er einer Jungfrau den Kopf der schönen Dame, mit der sich dieser unterhielte, versprochen hätte. Der Ritter glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können, als er diese Erklärung hörte, er sprang auf und forderte ohne weitere Umstände Gaheriet zum Kampfe heraus.
Der Ritter hielt es nicht der Mühe wert, sein Pferd zu besteigen, weil er glaubte, Gaheriet auch zu Fuß besiegen zu können. Beide zogen ihre Schwerter und hieben aufeinander los. Beide fochten mit großer Bitterkeit und Hitze, (117) aber bald war der Ritter, helmlos, in Gaheriets Gewalt. Gaheriet forderte ihn auf, sich bedingungslos ihm zu ergeben; der Ritter war bereit, wenn Gaheriet seine Geliebte zu schonen versprach. Als Gaheriet Anstalt machte, den Ritter zu töten, fiel die Jungfrau, die Gaheriet um die Gunst gebeten hatte, auf die Knie und bat ihn, ihrem Geliebten das Leben zu schenken, ihrer Nebenbuhlerin dagegen den Kopf abzuschlagen. Gaheriet gehorchte ihrem Befehle und verfolgte die schöne Dame. Sobald sich der Ritter frei fühlte, sprang er auf, ergriff sein Schwert, und drohte seine erste Geliebte ohne Verzug zu töten, wenn sie nicht Gaheriet verhinderte, seiner jetzigen Geliebten den Kopf abzuschlagen. In ihrer Todesangst blieb der Jungfrau nichts anderes übrig als seinen Willen zu tun. Über diese Wendung der Dinge war Gaheriet nicht wenig erfreut, (118) denn auf ganz unerwartete Weise war er der Notwendigkeit enthoben, sein mit Widerstreben gegebenes Versprechen zu erfüllen. Als die Jungfrau so ihren Racheplan vereitelt sah, erklärte sie sich bereit, mit Gaheriet nach La Roche aux Pucelles zu gehen, um ihm wenigstens mit ihrem Rate zu helfen, Gawain und den Morholt zu befreien.